Zwischenbilanz Wundernetz
Keine stillen Mäuslein mehr

Auch die Akteure des Wundernetzes staunten zuweilen über die bisherigen Ergebnisse ihrer Arbeit. Von links: Arbeitsgruppenleiterin Hermine Meier, Projektassistentin Monika Ehrenreich, Initiatorin Hildegard Legat. Bild: roa

Sie reden nicht nur über Behinderung, sie sind zum Teil auch behindert. Und trotzdem machen diese Menschen bei allem mit, was sie interessiert. Das nennt sich Inklusion. Um Barrieren abzubauen und einer Zusammenarbeit Normalität zu verleihen, gibt es in Amberg das Wundernetz.

-Sulzbach. Initiatorin Hildegard Legat, Projektassistentin Monika Ehrenreich und Arbeitsgruppenleiterin Hermine Meier ziehen vorsichtig eine erste Bilanz. Ihr Tenor: Kontakt ist alles.

Das Wundernetz gibt es doch jetzt seit etwas über einem Jahr?

Hildegard Legat: Seit etwa eineinhalb Jahren. Das erste halbe Jahr war die Planungsphase. Es wurde dabei die Konzeption für die Hauptphase entwickelt, die jetzt bis Januar 2018 läuft.

Was wurde in der Planungsphase geplant?

Legat: Alles was in den drei Jahren passiert, musste im Vorfeld festgelegt werden. Wir haben einen Plan gemacht und das Budget bis auf den letzten Cent ausgeschöpft.

Wie viel Geld stand zur Verfügung?

Legat: 250 000 Euro. Das ist viel Geld, für das wir sehr dankbar sind. Aber Öffentlichkeitsarbeit, Homepage, Veranstaltungen, Personal - all das kostet und ist teuer. Und das alles im Voraus genau zu planen, ist schon schwierig.

Welche Ziele verfolgen Sie?

Legat: Es gibt sechs Arbeitsgruppen mit 58 Mitgliedern mit und ohne Behinderung. Ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen die Teams, Menschen mit verschiedenen Handicaps sind als Fachleute für ihre Interessen und Bedürfnisse der Motor des ganzen. Die drei Arbeitsgruppen der Bildungsträger beschäftigen sich beispielsweise damit, Menschen mit Handicaps den Zugang zu den Kursen zu erleichtern, also beispielsweise die Kurshefte schon mal behindertenfreundlicher gestalten. Weniger Text, größere Bilder. Wir wollen aber nicht unbedingt mehr Angebote, sondern sie anders zeigen. Aber natürlich möchten wir auch Ideen unserer Menschen mit Behinderung aufgreifen. Unser Fernsehmagazin und die Homepage sind uns ebenfalls ganz wichtig.

Monika Ehrenreich: Es soll keine neuen Inseln oder Sonderräume geben, sondern es soll normal werden, dass in den Kursen der Bildungsträger auch Menschen mit verschiedensten Formen der Behinderung sitzen.

Legat: Wir haben heuer auch zum ersten Mal eine Frau mit geistiger Behinderung als Kursleiterin dabei. Sie gibt mit der Unterstützung ihrer Mutter einen libanesischen Kochkurs. Bei uns wird nichts ohne Menschen mit Behinderung erarbeitet. Das ist manchmal mühsam und geht langsam, aber es ist immer wieder erstaunlich, was dabei herauskommt.

Bei Ihrer ersten Fortbildungsveranstaltung hatten Sie Vorträge von einer Juristin, einem Kinderarzt und einem Sonderpädagogen und im Publikum saßen sowohl Menschen mit als auch ohne Behinderung. Wie war's?

Legat: Es war erstaunlich, ich hatte anfangs Bedenken, aber es war wirklich so, dass alle Zuhörer drei Stunden lang mit dabei und aufmerksam waren und sich beteiligt haben.

Was kam dabei heraus?

Ehrenreich: Ziel des Abends war, allen mehr Sicherheit im Umgang miteinander zu geben. Die Menschen konnten zum Ausdruck bringen, wie sie möchten, dass mit ihnen gesprochen wird. Mehrere Teilnehmer mit Handicap äußerten zum Beispiel den Wunsch, dass sie nicht als Behinderte bezeichnet werden möchten, sondern als Mensch mit Behinderung. Allerdings war der Tenor der Veranstaltung nicht, schönere Wörter zu finden, sondern dass die Gesellschaft zu einer Normalität im Umgang mit Behinderungen findet.

Hermine Meier: Mich hat das Beispiel des Kinderarztes sehr beeindruckt. Er sagte, dass das Wort schwachsinnig lediglich aussage, dass jemand einen schwachen Sinn habe. Und das stimmt ja auch. Aber trotzdem möchte keiner so bezeichnet werden, weil die Gesellschaft daraus ein Schimpfwort gemacht hat.

Ehrenreich: Es war so beeindruckend, wie alle Teilnehmer miteinander geredet haben. Das wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen. Da hätten wir lauter stille Mäuslein in den Reihen sitzen gehabt.

Legat: Ja, das stimmt. Ursprünglich waren die Veranstaltungen für Menschen ohne Behinderungen geplant, aber wir haben schnell gemerkt, dass wir nicht von oben etwas drüber stülpen müssen. Wir erarbeiten uns alles gemeinsam, es wird nur noch gemeinsame Fortbildungen geben.

Ehrenreich: Die Menschen im Wundernetz haben bei der gemeinsamen Arbeit sehr schnell ihre Vorbehalte und Berührungsängste verloren. Das zeigt: Kontakt ist alles. Das sehen wir jetzt auch bei den Flüchtlingen. Wertung und Normung haben zu viel Gewicht in unserer Leistungsgesellschaft. Die Menschen haben oft Angst vor dem Unbekannten, sei es die dunkle Hautfarbe oder die Behinderung, welcher Art sie auch sein mag. Der Kontakt verändert dann vieles.

Legat: Wir haben auch tolle Gruppenleiter. Zum Beispiel Thomas Boss von der Volkshochschule oder Maja Berendes vom Evangelischen Bildungswerk. Bei vielen spürt man richtig, dass ihnen etwas an dieser Arbeit liegt.

Wo gibt es noch Handlungsbedarf?

Legat: Handlungsbedarf gibt es noch in der beruflichen Integration. Es gäbe Leute, die aufgrund ihres Wissens am ersten Arbeitsmarkt bestehen könnten - mit viel Verständnis allerdings.

Ehrenreich: Bei der Bewusstseinsbildung: Es tut nicht weh, wenn ich einen Menschen mit Behinderung anspreche oder mich ein Mensch mit Behinderung anspricht.

Wie geht's weiter?

Legat: Es wird nicht in der jetzigen Form weitergehen. Aber wir machen uns schon jetzt sehr viele Gedanken. Im kommenden Jahr wird die Suche nach Sponsoren auf unserer To-do-Liste stehen. Man kann nicht sagen, jetzt ist alles wieder wie vorher. Das ist es eben nicht und das darf auch nicht sein. Wir setzen auf Nachhaltigkeit.
Wir haben heuer auch zum ersten Mal eine Frau mit geistiger Behinderung als Kursleiterin dabei. Sie gibt mit der Unterstützung ihrer Mutter einen libanesischen Kochkurs.Hildegard Legat


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