Börsenexperte Robert Halver vor 500 Zuhörern im Amberger ACC:
Dividende statt Null-Zins

Der erhobene Zeigefinger gilt der EZB-Zinspolitik. Dagegen sieht Robert Halver den Ausgang der Präsidentenwahl in den USA entspannt: "Der industrielle Zeitgeist ist entscheidend, nicht der Präsident. Bild: Steinbacher

"Wenn dich dein Zins nicht liebt, wie gut, dass es die Aktie gibt." Die Dividende als Ersatzzins? Börsenexperte Robert Halver macht den Sparern jedenfalls keine Hoffnung, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder zurückkehren. Dies könnten sich die hochverschuldeten Staaten Europas gar nicht mehr leisten.

Launig, in Anekdoten und in Kalauer verpackt, erläutert der Kapitalmarktanalyst der Baader Bank den mehr als 500 Zuhörern im ACC die komplexe Welt der Finanzen. "Sparen im herkömmlichen Sinn war noch nie so unattraktiv wie heute", betont am Mittwochabend Dieter Meier, Vorstandsvorsitzender der gastgebenden Sparkasse Amberg-Sulzbach. Wer an der Vermehrung seines Vermögens interessiert sei, komme an den Aktien nicht vorbei.

Kein Aktien-Crash


Trotz Null- und Strafzinsen bunkern die Deutschen 2,01 Billionen Euro auf klassischen Spar- und Tagesgeldkonten. Rund 80 Prozent des zurückgelegten Gelds wandern nach wie vor in Spareinlagen. Der mit seinen Prognosen "meist" richtig liegende "Liebling der Medien" (Meier) rechnet den Zuhörern vor, dass die Dividende als "Lustgewinn der heutigen Finanzwelt" durchschnittlich 2,68 Prozent beim DAX beträgt, sogar 4 Prozent beim Eurostoxx 50. "Nehmen Sie diese Dividende, gehen Sie bei den Zinsen fremd", appelliert Halver beinahe flehentlich. Das Risiko dafür hält er überschaubar: "Es wird keine nachhaltige Aktienschwäche geben, solange die Geldpolitik üppig bleibt. Wenn alle Stricke reißen, wird die EZB Aktien aufkaufen." Der fröhliche Börsenexperte aus dem Rheinland rät zur "Königsdisziplin", dem regelmäßigen Ansparen in Aktien(-fonds) über Jahrzehnte.

Grundsätzlich liegt sein Anlage-Fokus auf Sachwerten wie Immobilien, Aktien, Rohstoffen und Edelmetallen. "Sachvermögen übersteht Krisen; es könnte dann zwar im Kurs fallen, aber nicht im Wert." Halver empfiehlt Gold als Depot-Beimischung, "um am Tag X das Leben zu erleichtern". Der ohne jegliches Manuskript - frank und frei - plaudernde Redner warnt beim Gold jedoch vor überzogenen Kurs-Erwartungen: Weil die Notenbanken keine Ersatzwährung wünschten, würden sie über Derivate den Goldpreis drücken.

England "Waffenbruder"


Nach Halvers Einschätzung kommt es langfristig - Schritt für Schritt - zu einer Abschaffung des Bargelds: Um bei Negativzinsen eine Flucht in alternativ Bares zu verhindern. Auch der Warenkorb für die Messung der Inflation sei falsch bestückt. "Bei einer Abbildung der typischen Lebenswirklichkeit hätte die Inflationsrate im September 2016 mehr als 3 Prozent betragen." Scharf kritisiert Halver den Wandel von der "Stabilitäts-Union" hin zu einer "Romanischen Schulden-Union" und die damit einhergehende Reform-Unfähigkeit und -Müdigkeit. "Wer als Politiker in Europa Reformen anpackt, wird abgewählt." Halver bedauert den anstehenden Brexit, Deutschland verliere mit England einen "Waffenbruder" bei der Stabilitätspolitik.

"Als Sparer nichts zu tun, ist das Schlechteste", sagt abschließend Sparkassen-Vorstand Werner Dürgner. Er gibt Robert Halver ein Geschenk in "Sachwerten" mit auf den Heimweg: ein "Amberger Fassl".

Als Sparer nichts zu tun, ist das Schlechteste.Werner Dürgner, Vorstand der Sparkasse Amberg-Sulzbach


Zitate
"Wann gibt es mal wieder richtige Zinsen? Vermutlich nie mehr, denn sonst würde das Welt-Finanz-System zusammenbrechen."

"Kein Land leidet so unter den Sanktionen gegen Russland wie Deutschland."

"Wenn Europa nicht zusammenhält, wird es zu einem durchlöcherten Parmesan in der globalen Käsereibe."

"Staatsanleihen werden dem Sparer wie eine Art Heidi Klum verkauft: Tatsächlich gibt es dann Alice Schwarzer."
Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG.
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