Kaesers unbequeme Vision

Mehrere Tausend Siemens-Mitarbeiter werden in den kommenden eineinhalb Jahren in die Röhre gucken - der Konzern baut massiv Stellen ab, hauptsächlich in der Verwaltung. Mitarbeiter in der Fertigung, wie hier im Siemens-Generatorenwerk in Erfurt, müssen um ihre Jobs wohl nicht bangen. Bild: dpa

Besorgte Gesichter zwischen wehenden Fahnen: Die Nachricht vom massiven Stellenabbau bei Siemens erreichte die Oberpfälzer Mitarbeiter des Konzerns am Freitag mitten im Warnstreik der IG Metall. Die Hoffnung ist allerdings berechtigt, dass die Region glimpflich davon kommt.

(üd/dpa) Rund 1500 Siemens-Angestellte in der Oberpfalz hatten laut Gewerkschaftsangaben am Freitag vorübergehend die Arbeit niedergelegt - 1100 davon am Standort Amberg, 350 in Kemnath (Kreis Tirschenreuth) und 55 in Luhe-Wildenau (Kreis Neustadt/WN). Die Mitteilung aus der Konzernzentrale in München, die am Vormittag als Eilmeldung über die Agenturen tickerte, dürfte für die Siemensianer dabei kaum überraschend gewesen sein.

Nürnberg hart getroffen

Bereits am Donnerstag war als Gerücht durchgesickert, was nun Fakt ist: Siemens-Chef Joe Kaeser treibt den Konzernumbau mit massiven Einschnitten und der Streichung von insgesamt rund 9000 Jobs voran. Weltweit 7800 Arbeitsplätze kostet allein die Neuausrichtung der Organisation - davon etwa 3300 in Deutschland. "Mit unserem Unternehmenskonzept 'Vision 2020' wollen wir das Unternehmen wieder auf nachhaltigen Wachstumskurs bringen und die Profitabilitätslücke zu den Wettbewerbern schließen", erklärte der Vorstandschef.

Bundesweit am stärksten treffen Kaesers Kürzungspläne offenbar den Standort Erlangen mit 900 Stellen. In Nürnberg sollen rund 300 Arbeitsplätze wegfallen. Insgesamt arbeiten für Siemens im Großraum Erlangen/Nürnberg/Fürth rund 46 000 Menschen - etwa 40 Prozent der insgesamt 115 000 Siemens-Beschäftigten in Deutschland. Zu den weiteren Schwerpunkten der angekündigten Kürzungen gehören der Konzernsitz in München mit rund 500 Stellen, die von den Streichungen betroffen sind, sowie mehrere Standorte in Nordrhein-Westfalen mit insgesamt rund 300 Stellen. Die übrigen 1300 Stellen, die deutschlandweit abgebaut werden sollen, verteilen sich auf zahlreiche Siemens-Niederlassungen - darunter auch Amberg und Kemnath.

Genauere Zahlen für die Oberpfälzer Standorte gab das Unternehmen dazu am Freitag nicht bekannt. Aus Gewerkschaftskreisen in Amberg war jedoch zu hören, man wolle nicht einmal von "Stellenabbau" reden. Vielmehr würden Mitarbeitern, die etwa kurz vor der Pensionierung stehen, Angebote gemacht, um ihnen über einen Sozialplan einen früheren Ausstieg aus dem Unternehmen zu ermöglichen - gezwungen werde niemand, hieß es. Bis 30. September 2016 haben demnach die einzelnen Siemens-Niederlassungen Zeit, die Maßnahmen umzusetzen.

Umbau seit Oktober

Ein Siemens-Sprecher verwies im Gespräch mit unserer Zeitung darauf, dass vor allem "klassische Verwaltungsstandorte" des Unternehmens stärker betroffen seien. Bei einer ganzen Reihe der Standorte liege die Zahl der abzubauenden Stellen "im einstelligen Bereich".

Joe Kaeser hatte den größten Konzernumbau seit 25 Jahren im Mai 2014 gestartet. Die Sektoren-Einteilung des Geschäfts wurde gekippt, die Zahl der Divisionen von 16 auf 9 reduziert. Die Medizintechnik wird verselbstständigt, auch der Verkauf von Randaktivitäten wie der Hörgerätesparte oder des Anteils am Hausgerätehersteller BSH gehört zu dem Konzept. Trotzdem bleibt die Zahl der Mitarbeiter laut Siemens-Mitteilung vom Freitag weltweit nahezu konstant: Allein in Deutschland seien im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 1500 neue Mitarbeiter eingestellt worden, hieß es. Weltweit seien es mehr als 11 000 gewesen.

Die IG Metall kritisierte die Abbaupläne. Zwar stelle sich die Gewerkschaft nicht prinzipiell gegen "die Reduzierung überflüssiger Bürokratie und die Verschlankung unnötig komplizierter Prozesse", sagte der bayerische IG-Metall-Bezirksleiter Jürgen Wechsler. "Wir lehnen es aber entschieden ab, dass eine Umstrukturierung wie so oft mit Personalreduzierungen einhergeht."

Die Gesamtbetriebsratschefin von Siemens, Birgit Steinborn, erwartet harte Verhandlungen mit dem Konzern. "Es muss jetzt alles versucht werden, die Zahl von circa 3300 betroffenen Mitarbeitern, deren Aufgaben wegfallen, weiter zu reduzieren, indem sie woanders eingesetzt werden", sagte Steinborn in München. "Wir fordern Qualifizierung und interne Versetzungen statt Abbau."
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