Schrannenplatz bei Maikundgebung so voll wie noch nie
Gleiches Geld für gleiche Arbeit

Rund 700 Menschen waren es, die am Schrannenplatz IG-Metall-Bezirksleiter Jürgen Wechsler zuhörten. Der beschäftigte sich auch mit Siemens und äußerte die Befürchtung, dass sich der Weltkonzern mit seinen Produktions-Arbeitsplätzen aus Bayern und Deutschland verabschieden könnte. Bilder: Huber (3)
 
Wir wollen, dass das Normalarbeitsverhältnis wieder zum Regelfall wird.

Bier, Bratwürste, Ballons und markige Worte. Der Stoff, aus dem Maikundgebungen sind. Die in Amberg war etwas Besonderes. Rund 700 Menschen füllten den Schrannenplatz. Der örtliche IG-Metall-Chef Horst Ott war begeistert: "So voll war er noch nie!"

Selbst Oberbürgermeister Michael Cerny (CSU), Bürgermeisterin Brigitte Netta (SPD) und mit ihnen mehrere Stadträte nahmen an einem der Biertische Platz. Der proppenvolle Schrannenplatz gefiel auch dem DGB-Stadtverbandvorsitzenden Bernhard Wallner: "Klasse Bild!"

Reform-Baustellen


Hauptredner Jürgen Wechsler, Chef der bayerischen IG Metall, warf am Tag der Arbeit einen Blick auf den Arbeitsmarkt. Beim ersten Hinschauen sei die Situation gut. Dennoch gebe es große Reform-Baustellen. Die Agenda-2010-Politik und die Hartz-Gesetzgebung hätten zur gesellschaftlichen Spaltung geführt durch einen staatlich geförderten Niedriglohnsektor und zur Deregulierung der Arbeitsverhältnisse durch Leiharbeit, Werkverträge, Befristungen, Praktika und Minijobs. Diese Instrumente würden zum Lohndumping benutzt.

"Wir wollen, dass das Normalarbeitsverhältnis wieder zum Regelfall wird", rief Wechsler den Zuhörern zu und fügte an: "Arbeit taugt nicht für Billigstrategien. Arbeit muss sicher und fair sein. Und es muss gelten: gleiches Geld für gleiche Arbeit." Das müsse übrigens auch Grundlage sein für Industrie 4.0 und Digitalisierung. Das geschützte Normalarbeitsverhältnis und nicht eine neue Form der Ausbeutung. Leiharbeit, so Wechsler weiter, müsse wieder dahin zurückgeführt werden, wofür sie ursprünglich gedacht war: als Reaktion auf Auftragsspitzen. Außerdem fordere die IG Metall: wenn schon Werkvertrag, dann mit Tarifvertrag.

Rentenpolitik Irreweg


Es gebe in diesen Tagen aber auch einige ermutigende Nachrichten, sagte Wechsler. Teile der CSU und der SPD hätten offenbar erkannt, dass die Rentenpolitik der letzten 15 Jahre ein Irrweg gewesen sei. Der IGM-Spitzenfunktionär verlangte, das weitere Absenken des Rentenniveaus sofort zu beenden. Zurzeit liege es bei 47,5 Prozent, eine Erhöhung auf knapp 53 hielt Wechsler für richtig.
Lob für Retter der LuitpoldhütteBei der Maikundgebung sprach Bayerns IG-Metall-Chef auch die Insolvenz der alten Luitpoldhütte an. Er lobte alle, die zur Rettung des Unternehmens beigetragen haben. Damit hätten 380 Arbeitsplätze und die Tarifbindung erhalten werden können. Der neue Eigentümer habe eine Reihe von Investitionen zugesagt. Die Zukunft der LH scheine damit gesichert.

Zum anderen müsse die Finanzierung der Renten auf stabilere und breitere Beine gestellt werden. Das bedeute auch ein Steigen der Beiträge. "Die Arbeitgeber müssen das mitfinanzieren", unterstrich Wechsler. Eine weitere Möglichkeit, die Einnahmenbasis zu erhöhen, wäre die Einführung einer Erwerbstätigen-Versicherung, in die alle einbezahlen, also auch Selbstständige, Beamte und Parlamentarier. Deshalb sprach sich Wechsler für eine Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung aus.

Wir wollen, dass das Normalarbeitsverhältnis wieder zum Regelfall wird.Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler


Im Blickpunkt: "Angebot beleidigt Arbeitsleistung"Die IG Metall will ein Plus von fünf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, die Arbeitgeber wollen nicht mehr als 2,1 Prozent für zwei Jahre herausrücken. "Dieses Angebot beleidigt die Arbeitsleistung der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie", schimpfte bei der Maikundgebung IGM-Bezirksleiter Jürgen Wechsler. Es sei ein Witz, "über den man nicht lachen kann".

Wechsler kritisierte, dass dieses Angebot in einer Zeit gemacht werde, in der man jeden Tag von neuen Rekord-Dividenden-Ausschüttungen an die Aktionäre höre, in der sich die Top-Manager der Konzerne Boni-Zahlungen in Millionenhöhe genehmigten, in der die Reichen in unserem Land schon gar nicht mehr wohin mit ihrem Geld wüssten und "ihre Kohle in Briefkästen in Panama" versteckten. Wechsler warf der Arbeitgeberseite vor, sie habe die Tarifrunde eskalieren lassen.


Ziemlich unsolidarisch - Kommentar von Jürgen Kandziora

"Schreib nix drüber", bat der Tischnachbar. Können wir nicht machen. Wir sind der Wahrheit verpflichtet. Und viele Hundert Menschen bekamen es an diesem Sonntagvormittag ja mit. Dass sie am Tag der Arbeit selbige immer wieder verweigerte. Sie dem Redner mehrmals das Wort abschnitt. Dass sie sich, im Gegensatz zu allen anderen auf dem Schrannenplatz, unsolidarisch zeigte. Also muss es jetzt gesagt werden: Die Lautsprecheranlage hat nicht das gebracht, was man von ihr erwarten durfte. Sie war schlecht. Wahrscheinlich war sie ob des Tarifangebots der Arbeitgeber in der Metall-Tarifrunde bereits in den Streikmodus übergegangen.

Ansonsten alles gut bei dieser Maikundgebung: gute Stimmung, gutes Wetter, guter Redner. Der Besuch: sogar sehr gut. So viele Leute wie noch nie zuvor. Woran's lag? Schwer zu sagen. Sicherlich daran, dass mit Jürgen Wechsler ein prominenter Redner am Pult stand. Und vermutlich auch daran, dass in diesen Tagen ein Tarifkonflikt begonnen hat, in den die Arbeitnehmer kampfeslustig gehen.

juergen.kandziora@zeitung.org
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