Da lang, immer dem Mythos nach

251 Meilen (404 Kilometer) haben inklusive eines Abstechers nach Las Vegas die beiden Ammerthaler durchschnittlich an elf Tagen auf der legendären Route 66 mit ihren gemieteten Harleys Heritage heruntergeradelt. Dann waren sie durch. Bilder: hfz (Helb)
Lokales
Ammerthal
06.12.2014
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Zweifelsohne ist es eine Generationenfrage. Um die USA als Synonym für Freiheitssehnsüchte zu verstehen, muss man Figuren wie James Dean, den Marlboro Man, Peter Fonda oder Janis Joplin kennen. Die Route 66 hat von jedem etwas.

Bloßes Fernweh war es nicht. Dafür haben die zwei Nachbarn aus Ammerthal, Dr. Dirk Uelze und Walter Helb, berufsbedingt schon genug von der Welt gesehen. Deshalb siedeln beide ihr großes Abenteuer dieses Sommers irgendwo zwischen Zufall und Schnapsidee an. Jetzt, danach, sagen sie: Das war nicht das letzte Mal. Doch dann wollen sie sich mehr Zeit nehmen für die 2767 Meilen (4428 Kilometer), die sie von Chicago (Illinois) nach Santa Monica (Kalifornien) zurückgelegt haben; 74 (Uelze) und 69 (Helb) Jahre alt, elf Tage, zwei Harley Davidson Heritage Softail. Das ist Route 66.

Als Fernstraße passé

Denn diese einstige Straße beschreibt heute mehr ein Lebensgefühl als eine schnöde, geteerte Fernverbindung, die in ihrem ursprünglichen Zustand Dreiviertel der USA von Ost nach West durchzogen hat. Die Route 66 ist ein Mythos, und jeder erlebt ihn anders, in der Summe aber immer gleich: Weite, Freiheit, Unabhängigkeit. Motorradfahrer haben einen Hang dazu und Dirk und Walter fahren Motorrad. Der eine mehr oder minder schon immer (Walter), der andere (Dirk) erst, seit er nicht mehr Tag für Tag ins Büro gehen muss. Den großen Route-66-Traum, den sich fast jeder Biker schuldig ist, haben sie dennoch nicht über Jahre hinweg gemeinsam geträumt, frei nach dem Motto: "Wenn ich einmal Rentner bin, dann ..."

Der Enkel-Trick

Dirks 15-jähriger Enkel wollte unbedingt die Sommerferien bei Bekannten in den USA verbringen. "Und weil ich von meinen Geschäftsreisen dorthin weiß, wie sich die Amis bei der Einreise oft anstellen, hab ich gesagt: ,Ich bring dich dort rein'", erzählt der 74-Jährige den Anfang der Geschichte. Mit dem Enkel den Urlaub verbringen, das habe er dann aber auch nicht gewollt. Einfach wieder umkehren und zurückfliegen, wäre ebenso ziemlicher Blödsinn gewesen. "Also bin ich rüber zum Walter und hab' ihn gefragt, ob wir nicht die Route 66 machen wollen." Zwei Stunden später hatte Walter eingeschlagen. Das Abenteuer konnte beginnen.

Der Amerika-erfahrene Dirk übernahm die Organisation und schränkte seine tägliche Lektüre ab diesem Zeitpunkt ziemlich ein. "The road atlas '05" aus dem Kartenverlag Rand McNally und das Outdoor-Handbuch "Der Weg ist das Ziel - USA: Route 66" von Conrad Stein wurden für die nächsten Wochen zu seinen beiden Standardwerken eines Männertraumes. Auf Steins Reiseführer schwört der 74-Jährige, nachdem er ihn ja ausprobiert hat, inzwischen Stein und Bein.

Sollte Walter jemals Zweifel gehabt haben, die Route 66 und Harley Davidson sind nicht trennbar. Denn der 69-Jährige ist seit Jahrzehnten eigentlich überzeugter BMW-Biker. Doch in Santa Monica stieg er als Harley-Konvertit von der Maschine. Die zwei Heritage Softail (europäische Standardversion: zwei Zylinder luftgekühlt, 1,69 Liter Hubraum, 75 PS, 339 Kilogramm Leergewicht) wurden gemietet. "Kein Problem", erzählt Dirk. Über den ADAC seien sie bei dem US-amerikanischen Motorrad-Verleiher Eaglerider, einem Route-66-Spezialisten, gelandet.

Das sind solche Fälle, in denen das World Wide Web die Welt wirklich schrumpfen lässt: zwei Harleys vom 4. bis 14. August, macht 1421 US-Dollar pro Stück, Weiteres entnehmen Sie dem Kleingedruckten. Das waren die 500 Dollar für den Rücktransport pro Bike nach Chicago. Doch den Preis für die Maschinen stufen beide als reell ein. Walter gönnte sich noch eine kurze Proberunde auf Dirks Ammerthaler Harley, und dann war es schon passiert.

Knapp daneben

303 Meilen oder 488 Kilometer sah bereits die erste Etappe von Chicago (Illinois) nach St. Louis (Missouri) vor. Fünfeinhalb Stunden setzte der Routenplaner dafür an, eine durchschnittliche Tagesetappe. Dirk, der Organisator und Stratege, hatte alles akribisch vorbereitet, nur einmal ging etwas schief. Da verfehlte das Duo zwar nicht die Hotelkette, aber die Stadt, wo das Haus stehen sollte, um rund 50 Meilen und wähnte sich, richtig zu sein. Ein Fingerfehler. Dafür gab es einen Rabatt im falschen Hotel, weil im richtigen die Betten unbenutzt blieben. Das ist heute eine der Anekdoten, die das Ammerthaler Gespann mit nach Hause gebracht hat. Der Rest ist Begeisterung und Schwärmerei pur.

Frei im Kopf

Walter fuhr mit dem Wüstenwind ums Gesicht durch Käffer, die genau so hießen wie die aus den Western-Heftchen seiner Kindheit. Er sah John Steinbecks "Früchte des Zorns" vor sich flimmern und genoss es, im Sattel einer Harley gemütlich zu cruisen, statt auf einer Motorrad-Sitzbank zu reiten. Dirk faszinierten die endlosen Distanzen, die für einen in Kilometer denkenden Europäer unmittelbar erlebbar machen, wie sich Horizonte verschieben. "Ich glaube, im Auto macht es keinen Spaß", gehört für ihn Biker-Feeling dazu, selbst wenn das so banal klingt, weil über weite Strecken Meile für Meile eigentlich nichts passiert. Kein Verkehr (die Route 66 hat ihre überregionale Bedeutung verloren), keine oder weitgehend verlassene und verfallende Orte (Landflucht), dafür aber viel, viel Weite, wie es sie in Europa nicht gibt. Die beiden Ammerthaler erzählen, ausnahmslos auf entgegenkommende und freundliche Leute getroffen zu sein. Und wenn es keine US-Amerikaner waren, dann eben die internationale Gemeinschaft der Biker. Die Route 66 ist eine touristische Attraktion geworden und nicht nur die Europäer sind ihr verfallen, stellten die beiden Oberpfälzer fest.

"Der Mythos lebt schon", haben Dirk und Walter am eigenen Leib verspürt. Das detailliert zu beschreiben, da werden Worte rar, das Glänzen in den Augen sagt genug. "Man hat da schon eine Vorstellung. Aber wenn man hinkommt, ist es ganz anders." Offenbar hat das viel mit der Magie von Bildern zu tun. Jeder kennt solche Aufnahmen, die die endlose Weite Nordamerikas außerhalb der Metropolen zeigen. Plötzlich steht man mittendrin, und es ist kein Film. Dirk und Walter wollen das noch einmal erleben.
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