Flüchtlinge und ihre Integration in Ammerthal
Anerkannt und abgelehnt

Ein Haus voller Flüchtlinge: In Ammerthal kümmern sich bis zu acht Ehrenamtliche um die Syrer, die hier Asyl gefunden haben. Unter ihnen Andrea Weigl (links) und Betti Thumann (rechts). Bilder: upl (2)
Politik
Ammerthal
06.02.2016
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Mostafa und einer seiner vielen Behördenbriefe. "Vollzug des Aufnahmegesetzes (AufnG), Aufforderung zum Verlassen der Unterkunft" steht in der Betreffzeile des Schreibens der in diesem Fall zuständigen Regierung von Unterfranken. Was die Wörter bedeuten, müssen die Ehrenamtlichen ihm erklären.

Schaffen wir das? In der Asylunterkunft in Ammerthal spielen sich die Alltagsdramen ab, die sinnbildlich für die Flüchtlingskrise stehen. Die Syrer hier sind bereits anerkannt und haben dennoch keine Perspektive. Außer die Ehrenamtlichen geben ihnen eine.

Bassel will durchstarten. Er ist gerade 19 Jahre alt geworden und hält den Brief in seinen Händen, auf den Flüchtlinge in Deutschland sehnlichst warten: Seine Anerkennung als Asylberechtigter. Doch Flügel sind dem jungen Mann aus Syrien auch mit diesem Bescheid noch nicht gewachsen. "Eigentlich hat sich für ihn gar nichts geändert", sagt Andrea Weigl. Die 37-Jährige kümmert sich um die 15 Flüchtlinge, die seit November 2014 in ihrem Haus unweit des Ammerthaler Sportplatzes untergebracht sind.

Nicht nur Bassel hat die Anerkennung. Zehn weitere aus Syrien geflüchtete Bewohner - darunter eine sechsköpfige Familie - haben mittlerweile das Asylverfahren durchlaufen und einen positiven Bescheid erhalten. "Aber wie geht es jetzt mit ihnen weiter?", fragt Weigl, die sich zum Sprachrohr "ihrer" Flüchtlinge gemacht hat. "Eigentlich müsste man meinen, dass jetzt ein neues Leben beginnen kann." Die Realität sieht anders aus.

Perfektes Behördendeutsch


Die Asylberechtigten haben vor einigen Wochen vom Landratsamt die Aufforderung erhalten, aus der von der Behörde angemieteten Unterkunft in Ammerthal auszuziehen. Das Haus steht nur Asylsuchenden zur Verfügung, deren Verfahren noch nicht abgelaufen ist. "Das können die Flüchtlinge natürlich nicht lesen", erklärt Betti Thumann (55), die zum Helferkreis in Ammerthal gehört. Die Frau aus Viehberg leistet Integrationsarbeit, wie sie im Buche steht. Sie hilft bei Behördengängen, Einkäufen, klärt über deutsche Gepflogenheiten und bayerische Bräuche auf.

Ausziehen würden Bassal und seine Landsleute gerne. Doch auf dem Wohnungsmarkt haben Flüchtlinge kaum eine Chance. "Ich habe schon Hunderte Telefonate geführt", berichtet Thumann. "Zuerst heißt es: Ja, da wäre noch was frei. Wenn aber klar ist, dass es sich bei den Mietern um Flüchtlinge handelt, ist die Sache schnell erledigt." Andrea Weigl kann diese Haltung sogar ein wenig verstehen. "Nach dem, was über die Silvesternacht in Köln berichtet wird, haben viele Leute einfach Angst. Das geht mir ja genauso", räumt Andrea Weigl ein. Mit den Bewohnern ihres Hauses allerdings hat sie bisher aber nur gute Erfahrungen gemacht. "Wir haben auch über Köln gesprochen", erzählt sie. Die Syrer hätten ihr erzählt, dass sexuelle Übergriffe gegen Frauen auch in ihrer Heimat verboten seien.

Bloß keinen ansprechen


Damit es nicht zu Missverständnissen kommt bekamen die jungen Syrer Verhaltenstipps. Nicht in Gruppen rausgehen, lautete einer. Niemanden ansprechen, ein anderer. Die Ammerthaler Flüchtlinge haben seit ihrer Ankunft vor eineinviertel Jahren zwar ein bisschen deutsch gelernt. Doch erst jetzt, nach der offiziellen Anerkennung, bekommen sie einen professionellen Sprachkurs bezahlt.

"Zu spät", wie Weigl findet. "Es war doch klar, dass die anerkannt werden. Da hätte man viel früher anfangen können." Jetzt, da die jungen Männer auf einmal anfangen sollen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, fehle es am Grundsätzlichen: an der Wohnung, an der Sprache, an der Arbeit, am Geld. "Was soll aus ihnen werden?", fragt die Hausbesitzerin. Der Betreuungsbedarf endet weder beim Verlassen der Notunterkunft, noch mit der Anerkennung. "Eigentlich geht es jetzt erst richtig los", ist Weigl überzeugt. Ihrer Ansicht nach wäre Arbeit das A und O. Der 19-jährige Bassel kann jetzt immerhin für zwei Wochen ein Praktikum bei einem Zahntechniker machen.

"Jetzt wird in Amberg wieder für Flüchtlinge gebaut", sagt Weigl. "Aber wer soll sich um die Menschen kümmern, die einmal in den Unterkünften wohnen?" Auch nach Ammerthal sollen noch einmal 25 Asylsuchende kommen. "Wer kümmert sich dann um die?" Von der Politik erwarten sich die Frauen aus dem Helferkreis den Durchbruch nicht. "Das wird nur gelingen, wenn es auch weiterhin Menschen gibt, die sich für andere engagieren." Aber nicht nur im Vorbeigehen, sondern intensiv. Die acht ehrenamtlichen Helfer in Ammerthal bringen es bereits jetzt auf rund 30 Stunden pro Woche.

Nach dem, was über die Silvesternacht in Köln berichtet wird, haben viele Leute einfach Angst. Das geht mir ja genauso.Andrea Weigl

Zuerst heißt es: Ja, da wäre noch was frei. Wenn aber klar ist, dass es sich bei den Mietern um Flüchtlinge handelt, ist die Sache schnell erledigt.Betti Thumann
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