Interessengemeinschaft Hagenohe/Ranzenthal klagt wegen Windrad bei Neuzirkendorf
Klage will den Schatten stoppen

Anfang des Jahres waren beim Neuzirkendorfer Windrad noch die Baumaschinen im Einsatz. Jetzt möchte eine Klage aus Hagenohe zusätzliche Abschaltzeiten erreichen. Bild: Fürk

Das jüngste Windrad hinter der Landkreisgrenze dreht sich schon seit einigen Monaten ganz fleißig. Kann aber sein, dass es bald zeitweise stillstehen muss. Das Verwaltungsgericht Regensburg entscheidet darüber am 16. Juni.

Neuzirkendorf. Ihm liegt eine immissionsschutzrechtliche Nachbarklage gegen den Freistaat Bayern vor. Es ist eine Privatklage, aber dahinter steht die Interessengemeinschaft Hagenohe, Ranzenthal und Umgebung.

Das Windrad steht also bei Neuzirkendorf (Marktgemeinde Kirchenthumbach), während sich die IG aus Bürgern von Auerbach zusammensetzt. Einer ihrer Sprecher, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagt, dass es in den kleinen Ortschaften um die Bewohner von etwa 20 Häusern geht. "Bei uns sind 85 Prozent der Leute gegen die Windkraftanlagen." Denn neben dem erst Anfang des Jahres in Betrieb genommenen Windrad bei Neuzirkendorf stehen dort - nur wenige Hundert Meter entfernt, aber schon auf dem Gebiet des Landkreises Amberg-Sulzbach - zwei weitere, die schon 2014 eingeweiht wurden.

Keine 1000 Meter entfernt


Auch die werfen laut dem IG-Sprecher Schatten auf Hagenohe, vor allem von Mitte November bis zum 20. Februar. Bei der dritten Anlage gehe das sogar bis in den April hinein. Das ist zwar im Genehmigungsbescheid des Landratsamtes Neustadt/WN berücksichtigt, aber die IG zweifelt die zugrunde liegenden Messungen bzw. Berechnungen an und möchte erreichen, dass das rund 930 Meter entfernte Neuzirkendorfer Windrad - und nur dagegen richtet sich die Klage - zu bestimmten Zeiten abgeschaltet werden muss.

Denn vorgeschrieben ist, dass der Schattenwurf von Windrädern nicht länger als 30 Stunden pro Jahr und 30 Minuten am Tag auf ein Wohnhaus wirken darf. Die Hagenoher hoffen deshalb, dass sie für November bis Januar zusätzliche Abschaltzeiten von 15 oder 30 Minuten am Tag erreichen können. Diese Einschränkung hat nach Ansicht des IG-Sprechers die besten Chancen, vom Gericht festgelegt zu werden. Die bereits im Mai 2015 eingereichte Klage enthalte aber auch eine Anfechtung der speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung des Landratsamtes (in der Region kommen Schwarzstorch und Rotmilan vor) sowie Ausführungen zu Infraschall und Lärm: "Im Sommer hören wir es in der Nacht total", je nach Windrichtung und Luftdruck.

Eine wichtige Motivation für das juristische Vorgehen sei gewesen, zu signalisieren, "dass Widerstand da ist", damit nicht etwa wieder die Ideen für ein viertes Windrad ganz in der Nähe aufgegriffen würden. Die seien damals gescheitert, weil keiner der Landwirte in Hagenohe Grund dafür habe hergeben wollen. Dass offiziell ein Privatmann klagt, mindert nach Einschätzung des IG-Sprechers möglicherweise die Erfolgschancen, aber eine Verbandsklage habe man nicht hinbekommen. Man habe den Landesbund für Vogelschutz (LBV) und den Bund Naturschutz (BN) dafür zu gewinnen versucht, "aber die haben uns abblitzen lassen". Heute wisse man, dass diese Verbände pro Windrad-Standort 60 000 Euro oder sogar mehr bekämen, was deren Weigerung erkläre.

Die Aussage zu den Zahlungen an LBV und BN sorgt bei Marcus Willert für Kopfschütteln. Der Diplom-Kaufmann ist Geschäftsführer der Regensburger Erneuerbare-Energien-Firma Voltgrün, die alle drei Windräder zwischen Auerbach und Kirchenthumbach geplant und umgesetzt hat. "Da wären wir ja schön blöd, wenn wir was zahlen würden, wozu wir gar nicht verpflichtet sind", reagiert er auf die AZ-Anfrage.

"60 000-Euro-Story"


Die 60 000-Euro-Story beruhe möglicherweise darauf, dass jeder, der eine Windkraftanlage baue, zu Ausgleichszahlungen an den Bayerischen Naturschutzfonds (siehe Infokasten) verpflichtet sei. Die Höhe richte sich nach der Wertigkeit der Landschaft. "Sie kann zwischen 10 000 und 200 000 Euro betragen", sagt Willert. Wie hoch sie im Fall des Kirchenthumbacher Windrades ist, könne man im Genehmigungsbescheid des Landratsamtes nachlesen. Ob es die 60 000 Euro sind, die in Hagenohe die Runde machen, dazu will sich Willert nicht äußern.

Auf ein viertes Windrad an diesem Höhenrücken verzichtete Voltgrün laut Willert weniger wegen Grundstücksproblemen. "Da ging es eher um Fragen von Wirtschaftlichkeit und Genehmigungsfähigkeit." Sollte das Verwaltungsgericht zusätzliche Abschaltzeiten beschließen, hätte dies nach Einschätzung von Willert allenfalls minimale Auswirkungen auf die Rentabilität des Wind-Projekts. "Ein Schattenwurfmodul ist dort ja ohnehin eingebaut, damit die Grenzwerte eingehalten werden."

Obwohl das beklagte Windrad bereits Strom liefert, ist Voltgrün noch mit der Angelegenheit befasst und auch an der Sache interessiert, denn beigeladen ist zum Sitzungstermin auch die Windenergie Neuzirkendorf GmbH & Co KG. Diese Betreibergesellschaft bündelt die Eigentümer. Verwaltet wird sie durch Voltgrün. (Hintergrund)

Da wären wir ja schön blöd, wenn wir was zahlen würden, wozu wir gar nicht verpflichtet sind.Marcus Willert, Voltgrün


Bayerischer NaturschutzfondsBeim Bayerischen Naturschutzfonds entscheidet der Stiftungsrat über die Vergabe der zur Verfügung stehenden Mittel. Das zehnköpfige Gremium besteht aus fünf Vertretern von Staatsregierung und Landtag sowie drei Repräsentanten des Naturschutzbeirats beim Umweltministerium und je einen Vertreter der kommunalen Spitzenverbände und der bayerischen Landschaftspflegeverbände. Bund-Naturschutz-Landesvorsitzender Professor Hubert Weiger ist in der Naturschutzbeirat-Gruppe stellvertretendes Mitglied. Als der vor kurzem in den Landkreisen Tirschenreuth und Neustadt/WN gegründete windkraftkritische "Verein für Artenschutz und Landschaftspflege" im Stiftungsrat als einziger mit einem Antrag zur Finanzierung eines Artenschutzprojekts nicht zum Zuge kam, beklagte dessen Vorsitzender Johannes Bradtka, dass "eine Fraktion aus Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz" das Gremium dominiere. (ll)
2 Kommentare
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Maria Estl aus Pullenreuth | 10.06.2016 | 16:41  
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Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 26.06.2016 | 00:25  
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