Living History: Reise in die Welt der Darsteller im Geschichtspark Bärnau-Tachov
Zurück in das Mittelalter

Hier ist garantiert alles "nach Fund". Kleidung und Einrichtung der Darsteller im Geschichtspark basieren auf archäologischen Vorbildern.
Kultur
Bärnau
13.01.2017
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Roland aus Mitterteich und Christina aus Forchheim schmieden bei eisigen Temperaturen. Der Geschichtspark ist ihre "Wellness-Oase".
   
Wolfgang ist im richtigen Leben Unternehmensberater. In Bärnau Ordenspriester.

Der Weg ins Mittelalter ist gut ausgeschildert. Es liegt im Geschichtspark in Bärnau. Dort leben Darsteller wie anno dazumal - in einer ganz eigenen Welt.

Die Grenze ist eine drei Meter hohe Palisade aus Holzbalken. Davor ist Wolfgang Unternehmensberater. Dahinter Priester des Deutschritterordens aus dem frühen 13. Jahrhundert. Statt Anzug trägt er ein weißes Ordensgewand mit Kapuze und aufgesticktem schwarzen Kreuz. Die groben Bernsteinperlen des Rosenkranzes gleiten über seine Finger. In das Dorf aus dem 8. Jahrhundert, 100 Meter entfernt, würde er in diesem Aufzug nicht gehen. "Da müsste ich mich ja umziehen. Meinen Orden gibt es ja erst seit 1190."

Wolfgang ist Darsteller im Geschichtspark in Bärnau. Auf dem Gelände des Freilandmuseums stehen zwölf Häuser aus der Zeit vom 8. bis zum 13. Jahrhundert. Etwa 30 Darsteller leben dort den Alltag von Menschen aus dieser Zeit nach. Museumsbesucher können sie beim Arbeiten, Essen, Färben und Kochen beobachten. Ihr Hobby hat einen Namen: "Living History", gelebte Geschichte. Bis aus Norddeutschland reisen sie an, um in ihrem Jahresurlaub auf strohgefüllten Säcken in rußigen, engen Unterkünften zu schlafen. Sie kommen hierher, weil ihnen die moderne Welt zu kompliziert ist, weil sie sich in der Gemeinschaft aufgehoben fühlen, weil sie gerne forschen. Es nieselt.

Roland aus Mitterteich wohnt in einem slawischen Grubenhaus aus dem 9. Jahrhundert, etwa einen halben Meter tief in die Erde eingelassen, erbaut nach historischem Vorbild. Groß wie eine Sauna, aber kalt. Er sitzt neben seinem Haus auf einer Holzkiste, taucht einen Eisenstab ins Schmiedefeuer. Seine Freundin Christina pumpt mit zwei Blasebälgen Luft in die Glut. Die Spitze des Eisens leuchtet auf. Draußen arbeitet er als Glasbläser. "Auch so a Plagerei", sagt er und lacht laut, legt das glühende Ende auf einen kleinen Amboss und schlägt Dellen in das heiße Metall.

Zum ersten Mal wendet er den Blick von seiner Arbeit. "Ich komm' mit dem ganzen Hightech nicht zurecht." Wenn er Hightech sagt, klingt es nicht wie ein englisches Wort. Auch sein grauer Vollbart, zu zwei Zöpfen gebunden, schaut nicht nach moderner Welt aus. Nicht seine braune Wollhose, sein graues Wollhemd oder seine Wollmütze. Nicht sein kräftiger alter Körper, seine verwachsenen Augenbrauen, seine klaren braunen Augen. Er nimmt eine Zange und verdreht die beiden Enden des Metallstücks zu zwei Spiralen. "Diese Hightech-Welt bringt doch nur ein Heer von Vollidioten hervor." Kräftig hämmert er auf die glühende Eisenstange ein, biegt, hämmert, biegt, steckt in die Glut. "Mit dem Navi zum Kühlschrank", sagt Christina, lacht heiser und pumpt. Die Fellmütze hat sie tief ins Gesicht gezogen.

Zuhause in der Eisenzeit


Roland verachtet "dieses Handy". Die Gegenwart überfordert ihn, zu laut, zu schnell, zu viel. Das Mittelalter ist ihm näher. "Das ist das, was ich vom Gefühl her bin." Roland hält den Stab vors Gesicht, prüft die Biegung. "Eigentlich noch früher. So zwischen Bronze- und Eisenzeit." Hier gibt es einfache Regeln und die beherrscht er. Er weiß, was gut und was schlecht geschmiedet ist, was funktioniert und was nicht. Das dunkle Mittelalter nennt er seine "Wellness-Oase".

Aus dem Blockhaus dröhnt Lachen. Hier wohnen Hela und ihr Mann Gaeffric, der draußen Webdesigner ist. Sie kommen aus Marburg, drei Fahrstunden entfernt vom Geschichtspark. In ihrem Haus ist ein kleiner Wald verbaut: 13 Eichen und 72 Lärchen. Auch sie wenden ihr Gesicht kaum von der Feuerstelle ab, wenn sie miteinander sprechen. In dem Haus mit Kochstelle, Bett und Bank ist die Tür immer einen Spalt offen. Trotzdem riechen Klamotten und Haare nach Geräuchertem. Einen Kaminabzug gibt es nicht, der Rauch entweicht durch Löcher im Giebel.

Helas engste Freunde sind aus der Darsteller-Szene wie sie. Unter ihnen fühlt sie sich aufgehoben: Sie teilten mehr, seien freundlicher, lustiger, kameradschaftlicher. Nicht so egoistisch wie die anderen. "Das ist ein eigener Schlag", sagt sie. "Ich hab Gaeffric im Mittelalter kennengelernt, im Mittelalter hat er mir einen Antrag gemacht und im Mittelalter haben wir geheiratet", sagt sie.

Hela dreht sich um, und mustert die grelle Funktions-Outdoor-Kleidung ihrer Besucherin, die wissen will, wie das Mittelalter so ist. "Probier doch mal die Gewänder aus. Dann frierst du auch nicht mehr. Komm schon." Gaeffric geht, schließt das Tageslicht aus. Das Feuer flackert auf den Wänden. Hela zieht mittelalterliche Gewänder aus einer Weidenkiste und erklärt: "Das Unterkleid ist aus Leinen. Nicht so gut im Winter, weil es kühlt. Dafür perfekt im Sommer." Leicht gleitet der gewalkte Stoff über die Haut. "Darüber kommt ein Kleid aus Schafwolle. Selbst wenn sie nass ist, wärmt sie noch. Nicht so wie bei Baumwolle." Das lange orange Wollkleid ist schwer, hängt bis zu den Knöcheln, wärmt sofort. Dicke Kniestrümpfe. Die Schuhe aus dünnem, biegsamem Leder. Das Kopftuch. Hela dreht sich um und betrachtet strahlend ihr Werk. "Nun passt du hierher."

"Jetzt bist du A."


Im Szenesprech heißt das: "Jetzt bist du A", erklärt sie. A steht für das Ziel aller Darsteller von gelebter Geschichte. A ist die Motivation für ihr Quellenstudium in Bibliotheken, im Internet, bei langen Gesprächen mit anderen Hobbyisten. Es ist die Erklärung für ihr Streben nach jedem kleinsten Hinweise auf Fragen wie: "Wurde die Hose um 1050 aus 4 oder 8 Stoffteilen zusammengenäht?". A steht für authentisch, echt, original.



Gaeffric kommt zurück und steckt die Outdoorkleidung in einen Jutebeutel, schiebt die Wanderstiefel unters Bett. In den geflochtenen Weidekörben verwahrt er Taschentücher, Zahnpasta und Haarbürste, unsichtbar für die Besucher. Im Wikingermuseum steht ja auch kein Picasso, sagen die Darsteller. Äußerlich soll alles authentisch wirken. Sie essen keine Tomaten oder Kartoffeln, denn die wachsen erst 400 Jahre später in Europa. Den Käse kaufen die Darsteller vorher im Supermarkt, die Plastikfolie verstecken sie. Auch Waschhaus und Toiletten gibt es außerhalb des Geländes, ihre Zahnbürste verbergen sie unterm Gewand. "Wenn du ein Wochenende im Mittelalter lebst, musst du trotzdem am Montag wieder gesund in der Arbeit stehen", erklärt Hela. Wenn niemand hinschaut, zapfen sie Bier aus dem Plastikschlauch in ihre Tontassen.

Vom 9. Jahrhundert geht es hinauf in das Gasthaus aus dem 13. Jahrhundert. Der Zeitsprung von 400 Jahren ist sofort spürbar. Im Haus riecht es nach Essen, nicht nach Rauch. Es gibt einen separaten Abzug für den Ofen. Küche und Essraum sind abgetrennt. Anna aus Neumarkt steht am Herd. Mit ihrem Herbergsteam bereitet sie Essen für 18 Leute zu. Bohnenmus, grüne Soße aus Kräutern, Brathuhn und Ei.

Neun Stunden kochen




Anna steht für die Mahlzeit etwa neun Stunden am Herd. "Manchmal weiß ich selbst nicht, warum ich mir das antue." Das ganze Jahr über studiert die freiberufliche Töpferin mittelalterliche Rezepte. Hinter ihrer Darstellung einer einfachen Köchin steckt die Disziplin und zähe Neugierde einer Forscherin. Der Lohn für die Mühen: "Es funktioniert", sagt sie. Die Tontöpfe sind richtig verarbeitet, denn sie brechen nicht bei den hohen Temperaturen. Die Hühner sind durch. Anna wusste, dass Fleisch damals immer vorgekocht wurde, bevor es auf den Rost kam, obwohl es nicht im Rezept stand. Es ist ein Fakt, der im 13. Jahrhundert so selbstverständlich ist, dass er nicht einmal erwähnt wird. Im 21. Jahrhundert müssen sich die Darsteller das Wissen erarbeiten durch Ausprobieren, Scheitern und neu Versuchen. Anna bleibt ganz Forscherin, auch beim Thema Salz. Ob die Leute damit damals schon würzten? Sie wirft die Stirn in Falten. Es gebe unterschiedliche Quellen, das komme ganz auf die Gesellschaftsschicht an, auf Bedingungen.

Das Museum hat geschlossen, gegangen sind die Besucher in ihren grellen Outdoorklamotten, die fotografieren und Fragen stellen. In der Schenke leuchten nur noch die Talgkerzen. Eine Gruppe sammelt sich am Kamin, eine Holzlaterne beleuchtet ihre Gesichter. Immer wieder lassen sie ihre Blicke schweifen, schauen sich an, lächeln und nicken. Ja, so könnte es tatsächlich mal ausgesehen haben in so einer Schenke im 13. Jahrhundert. Könnte. Bei ihrer Darstellung bewegen sie sich immer nur im Konjunktiv. Es gibt kaum schriftliche Quellen oder archäologische Funde, die vom Leben einfacher Leute erzählen. "Es ist immer der Versuch einer Annäherung", sagt Anna.

Brille stört


Selbst die Brille eines Gastes stört jetzt. Auf vielen Treffen ist sie nicht erwünscht. Der Blick bleibt hängen an dem geschliffenen Glas, dem Plastikgestell. Das Kerzenlicht bricht sich anders als auf den anderen Gegenständen aus Ton, Holz oder Wolle. Die Brille verwandelt das Gesicht in etwas Modernes, Störendes.



Zwei Frauen in bunten Gewändern reden über die spätmittelalterlichen Häuser, die im Geschichtspark neu hinzukommen: "Ich geh niemals ins Spämi. Ich bleib im Homi, hab' auch gar keine Klamotten dazu." Wieder Szenesprech. Frümi, Homi, Spämi: Früh-, Hoch- und Spätmittelalter. Dann gibt es noch das Gromi. Grobmittelalter. Gromis kleiden sich nicht "nach Fund", ihre Klamotten haben keine historischen Vorbilder. Sie kommen zum Mittelaltermarkt mit Minirock aus Leinen und Springerstiefeln, erzählen die Frauen. Gromis sind natürlich nicht A.

Winterfest im GeschichtsparkEigentlich hält der Geschichtspark Winterschlaf. Doch zum Winterfest am Sonntag, 22. Januar, ist das Freilandmuseum einmalig außerhalb der Saison geöffnet. Darsteller aus ganz Deutschland reisen dazu an. Sie zeigen von 11 bis 18 Uhr, wie der mittelalterliche Alltag im Winter aussah. Wenn der See zugefroren ist, wollen sie sogar probieren, mit Knochen an den Schuhen Schlittschuh zu laufen - gemäß einer überlieferten Technik. Sie zeigen, wie sie mit Stahl und Stein ein Feuer entfachen, wie sie mit Nadelbinden warme Socken und Mützen herstellen. Die Besucher dürfen ihnen beim Kochen über die Schulter schauen und sich an den offenen Feuern aufwärmen. Dazu gibt es vor den Toren des Museums im Eventbereich heiße Getränke oder Crêpes und Waffeln. Offizieller Saisonbeginn ist am Sonntag, 26. März. Dann hat das Museum wieder von Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr geöffnet. Montags ist, außer an Feiertagen, geschlossen. Das nächste große Fest ist das Osterfest am Montag, 17. April, von 11 bis 18 Uhr.


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