"Eine wahnsinnige Zeit"

Freudig begrüßen sich der ehemalige Landrat Karl Haberkorn (links) und der Publizist Rudolf Tomsu beim Festakt. Bilder: ubb (3)
Lokales
Bärnau
21.06.2015
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Herzlichen Begrüßungen folgten ausnahmslos herzliche Worte: Am Freitag schwelgten alte Freunde aus dem Stiftland und Tschechien in Erinnerungen an den großen Tag im Jahr 1990.

"Rudolf Tomsu ist auch da!", ruft Landrat a. D. Karl Haberkorn freudig, sobald er den alten Freund auf sich zukommen sieht. Das Glück dieses Begegnung ist beiden ins Gesicht geschrieben, beinahe wären sich die Zeitzeugen der Bärnauer Grenzöffnung vor Freude über das Wiedersehen in die Arme gefallen. Haberkorn und Tomsu gehören zur verlesenen Gästeschar, die am Freitag im Geschichtspark einen Rückblick auf 25 Jahre Grenzfall feiert.

Nicht alle waren live dabei damals in Bärnau. Landrat Wolfgang Lippert und sein Stellvertreter Dr. Alfred Scheidler zum Beispiel. Heute wäre ihre politische Arbeit ohne enge Zusammenarbeit mit dem Nachbarland undenkbar. Scheidler erinnert sich an die plötzliche "Trabbi"-Schwemme in Bayreuth, wo er damals arbeitete. Auch Bezirkstagvizepräsident Lothar Höher hat eine Geschichte dabei: "Eine wahnsinnige Zeit! Wir sind hier damals langgefahren und stellten erstaunt fest, dass der Schlagbaum weg war. Dann sind wir einfach nach Paulusbrunn rüber, hatten aber keine Ahnung, ob das erlaubt war." Nicht ohne ein mulmiges Gefühl überquerten anfänglich Bürger hüben wie drüben den Grenzraum. Viel zu sehr saß noch die Angst im Nacken vor Grenzsoldaten, die wild um sich schießen könnten, setzte man auch nur einen einzigen Schritt über die Markierungslinie.

Solche und andere Erlebnisse schwingen beim Festakt mit. Überschwänglich verkündet Alfred Wolf, die Grenzöffnung sei eines der schönsten Geschenke seines Lebens. Wolf begrüßt neben Haberkorn, Tomsu, Scheidler, Höher und Bürgermeister Alfred Stier unter anderem die einstige Bürgermeisterin von Halze, Marie Kuncicka. Sie hat gemeinsam mit Bärnaus Bürgermeister Josef Stich am 2. Juli 1990 symbolisch das Band an der Grenze durchschnitten. Aus Tachov ist der ehemalige Stadtchef Reinhold Wetzler da, Frantisek Curka vertritt die tschechische Euregio Egrensis.

Statt Reden gibt es weitere Geschichten: Der Schulleiter a. D. Rainer Christoph erzählt, wie eines Tages in seiner Schule ein mächtiger Mann stand, der tschechisch sprach. "Ich dachte, so muss Jan Hus ausgesehen haben!" Der Hüne entpuppte sich als Kollege aus Tachov. Schnell war man sich einig, eine der ersten deutsch-tschechischen Schulfreundschaften zu gründen. Bärnauer und Tachover Schüler machten Projekte und gewannen auf Anhieb bundesweit beim Wettbewerb "Historische Straßen" mit ihrem Beitrag zur Goldenen Straße. Seither hätten am Beispiel Bärnaus 150 Schulen zwischen Luxemburg und Prag die Goldene Straße in ihren Unterricht integriert, so Christoph.

Für den Tachover Journalist Rudolf Tomsu hat sich ein Lebenstraum erfüllt. "Ich konnte eine eigene Firma gründen", sagt er. Als Rentner habe er zudem jetzt Zeit, sich ausgiebig dem Übersetzen der tschechischen Sprache ins Deutsche zu widmen. In der Sprache sieht der Publizist auch eine noch existierende Barriere. "Aber jetzt kommt die Jugend und lernt Englisch", ist Tomsu zuversichtlich, dass diese Hürde bald überwunden sei.

Landrat Wolfgang Lippert als Präsident der Euregio Egrensis bringt den Gästen die Bedeutung dieses Zusammenschlusses näher. Weitere Geschichten folgen, die das Leben, die Zusammenarbeit und das gesellschaftliche Gefüge am Grenzkamm völlig neu geprägt haben. Dafür, so die Zeitzeugen im immer gleichen Tenor, könne man nur dankbar sein.
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