Mit Fledermaus und Hinkelstein

Ein alter Vogelbauer als Deko (links). Aprikosen aus eigener Produktion (Mitte). "Max" ist ein echter "Standfest". Weitere sechs Stubentiger, Fremde nicht eingerechnet, leben hier (rechts).
Lokales
Bärnau
31.08.2015
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So ähnlich muss das ausgesehen haben, als vor langer, langer Zeit der Prinz am Schloss von Dornröschen ankam. Der Garten von Rudi Standfest hat etwas Verwunschenes und Dornen von den "Röschen" gibt es mehr als genug.

Es war einmal im schönen Bärnau, als sich die Mutter von Rudi Standfest nichts sehnlicher wünschte als einen eigenen Garten. Auf dem Gelände der eigenen Knopffabrik in der Schlossgasse war dafür kein Platz. Eines Tages kam ihr Ehemann nach Hause und eröffnete ihr, dass er im Wirtshaus per Handschlag ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück in der Bärengasse gekauft hat. Das war 1953. Heute ist das Areal auf die doppelte Größe erweitert.

"Eine Streuobstwiese in Hanglage war das", erinnert sich Rudi Standfest, der damals sechs Jahre alt war und mit Garteln absolut nichts am Hut hatte. Zwei Jahre später baute die Familie ein Haus auf dem Grundstück und die Mutter legte einen großen Gemüsegarten an. Selbstversorgung war angesagt, war das Wichtigste für die fleißige Frau. "Obwohl sie den ganzen Tag arbeitete, schuftete sie davor und danach im Garten. Da musste ich ihr doch helfen, und so ging das mit meiner Vorliebe für den Garten los", sagt Rudi. "War es anfangs Neugierde, später Leidenschaft, ist es heute eine Sucht." Rudi Standfest musste sein "Dornröschen" übrigens nicht aus einem hundertjährigen Schlaf wecken. Cordula stammt aus Tirschenreuth und verliebte sich nicht nur in den Rudi, sondern nach und nach auch in den Garten, in dem das Haus im Mittelpunkt steht. Wie im Märchen ist es kaum zu sehen, ist es zum Großteil hinter dichten Pflanzen versteckt.

Wellen und Meergeruch

"Mit diesem Fleck bin ich absolut verwurzelt, weil ich da fast mein ganzes Leben verbracht habe", sagt der 67-Jährige. "Eigentlich bräuchten wir gar keinen Urlaub." Trotzdem zieht es das Ehepaar immer wieder weg, in die Hohe Tatra zu Freunden oder nach Opatija ans Meer. "Ich brauche die Wellen und den Geruch der See, wenn ich im Wasser bin", sagt Rudi. "Den Garten vermisse ich dann schon, aber es ist auch wichtig, mal eine andere Gegend zu sehen und nicht erreichbar zu sein." Ein Lederapfelbaum, der weit über 100 Jahre alt ist, ist Rudis Lieblingspflanze im Garten. "Der ist prägend für die gesamte Anlage", sagt er. "Alle zwei Jahre trägt er Früchte." Mindestens acht Stunden verbringt Rudi täglich im Garten. Nicht zum Ausruhen, sondern zum Arbeiten. Ehefrau Cordula arbeitet ebenfalls jeden Tag nach der Arbeit als Ausgleich zum Job im Garten. "Im Sommer essen wir dann oft erst gegen 22 Uhr."

Die Mutter zeigte Rudi einst, wie man sät. "Es hat mich sofort fasziniert, wie aus einem Samenkorn eine große Pflanze wird." Sieben Katzen, die mit Nachnamen "Standfest" heißen, wohnen hier. Und immer wieder tauchen fremde Stubentiger auf. Zum Beispiel Rudolf, einer, der sich in der ganzen Stadt herumtreibt und hier gerne Station macht. Diente der Garten in der Anfangszeit in der Hauptsache der Lebensmittelerzeugung, ist er heute ein wahres Blumenparadies. Das ganze Jahr über ist er ein Blütenmeer, das von den verschiedensten Sorten gespeist wird. Das beginnt im zeitigen Frühjahr. Wenn in den meisten Gärten noch Schnee liegt, ist die Wiese in der Bärengasse 14 längst bunt. Tausende von Krokussen, Winterlingen und Schneeglöckchen recken ihre kleinen Köpfe gen Himmel. Das liegt daran, dass seine günstige Lage dem Garten ein außergewöhnlich mildes, fast mediterranes Mikroklima beschert.

"Den ,Böhmischen', der gerade in Bärnau oft für unangenehme Temperaturen sorgt, kennen wir nicht. Der weht über unseren Hang einfach drüber. Die Häuser ringsherum und die großen Steine im Garten speichern Wärme. All das in Kombination beschert uns ein Klima, wie es das weit und breit eigentlich nicht gibt." Diese Aussage unterstreicht die Tatsache, dass hier Pfirsiche, Aprikosen, Feigen und Weintrauben üppig gedeihen und reif werden. Auch der kalifornische Mammutbaum fühlt sich absolut wohl.

400 Sorten Rosen

Kleine Areale mit Gartenteichen sind überall über Steintreppen zu erreichen. Ein künstlicher Bachlauf fließt über Steine und ergießt sich als kleiner Wasserfall in einen Teich. Große Steine, einer sieht aus wie ein Hinkelstein, den Obelix höchstpersönlich hier abgestellt hat, sind zentnerschwere Schmuckstücke. Über 500 Rosen in 400 Sorten wachsen hier. Womit wir wieder bei "Dornröschen" wären. Strauchrosen sind das in der Hauptsache. "Edelrosen passen nicht in meinen Naturgarten", sagt Rudi. Dann blühen da im Lauf des Jahres noch Sonnenbräute, Sonnenhüte, Hortensien, Funkien, Rhododendren, Klematis und Frauenschuh, alles in rauen Mengen. Verrostete Eisenteile, wie sie derzeit modern sind, oder des Nachts wild blinkende, überdimensionale Insekten aus Plexiglas sind nicht zu entdecken. Dafür dezent und geschmackvoll platzierte Accessoires wie Tierfiguren aus Steinbeton oder Vogelbauer, wie sie in alten Zeiten den Kanarienvogel beherbergten, gehören dazu.

Nachtpfauenauge und Igel

Letztere natürlich ohne Vögel. Die braucht Rudi Standfest nicht in Käfige zu sperren. In seinem Garten sind alle vorhanden, die dort hingehören. Möchs- und Gartengrasmücken leben hier genauso wie der Zaunkönig, der Zilpzalp und verschiedene Meisenarten. Den Brennnesseln sei es zu verdanken, dass sich Schmetterlinge wie Trauermantel, Taubenschwänzchen, Schwalbenschwanz oder Nachtpfauenauge wohlfühlen. Verstecke für Amphibien und Reptilien gibt es mehr als genug. Igel, Blindschleichen, Kröten, Frösche, Teich- und sogar Bergmolche sind heimisch. Und bevor die Nacht die Abenddämmerung ablöst, schwärmen die Fledermäuse aus und nutzen im Garten der Standfests das reichhaltige Insektenangebot.
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