Marvin Frank kämpft sich ins Leben zurück
Ein besonderes Wunderkind

Dass Marvin (Mitte) wieder ausgelassen mit Schwester Madlen und den Freunden Paul und Justin (von rechts) spielen kann, grenzt an ein Wunder.
Vermischtes
Bärnau
16.09.2016
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Von einem Wunderkind spricht man, wenn der Nachwuchs irgendetwas ganz besonders gut kann. Zum Beispiel, wenn ein Vierjähriger virtuos Geige spielt und mit zehn die erste Oper komponiert. Marvin ist ein Wunderkind, weil er den Tod besiegt hat und sich ins Leben zurück kämpft.

Bärnau/Greim. Zwei Jahre war Marvin alt, als er am 24. Februar 2014 in Greim im Landkreis Tirschenreuth in den eiskalten Löschteich fiel. Der Vater fand den kleinen Mann leblos im Wasser. Marvin konnte schon laufen, war zur Oma gegangen, die im gleichen Haus wie die Familie wohnt. Das hatte er schon oft gemacht. Er verabschiedete sich später von der Großmutter, ging an diesem Nachmittag aber nicht auf dem gewohnten Weg direkt nach Hause.

Skianzug erkannt


Wie er es schaffte, das Grundstück zu verlassen, ist bis heute unklar. "Vielleicht gelangte er durch den Pferdestall irgendwie auf die Straße", mutmaßt seine Mutter, Kerstin Frank. Als sie bemerkte, dass er verschwunden war, begann sofort die Suche. Papa Thomas erkannte zuerst den Skianzug des Jungen, der leblos im Teich trieb. Schnell war Marvin aus dem Wasser geholt und ins Haus gebracht, wo die Mutter die ersten Reanimationsversuche unternahm. Helfer vor Ort und Rettungsdienstler verbrachten wohl eine halbe Stunde damit, den Jungen zu reanimieren und transportfähig zu machen.

Per Rettungshubschrauber wurde Marvin in die Kinderklinik nach Weiden geflogen. Vom Auffinden bis zur Einlieferung war da schon eine gute Stunde vergangen. Heute wird davon ausgegangen, dass das Kind etwa 20 Minuten im Teich gelegen hat. Im Krankenhaus kämpften die Ärzte um das junge Leben. Als die Eltern in jener Nacht zu ihm dürfen, ist auch ein Geistlicher dabei und spendet die Krankensalbung.

Der Schock saß tief. Der Junge lag im Koma, aber er lebte. Die nächsten 24 Stunden sollten neue Erkenntnisse bringen. Die Ärzte beschönigten nichts, erklärten, dass durch den enormen Sauerstoffmangel im Gehirn sicher erhebliche bleibende Schäden zu erwarten seien. "In jedem Fall wird Marvin zu 100 Prozent geistig und körperlich schwerstbehindert sein." Diese Prognosen straft der heute Viereinhalbjährige Lügen.

Ein Kämpfer


Marvin ist ein Kämpfer. Nach drei Tagen wachte er auf. "Er war nur noch eine Hülle, erinnerte an einen Säugling, ohne Körper- und Kopfhaltung", erzählt Kerstin Frank. "Maschinen hielten ihn am Leben." Nach drei Wochen erholte sich Marvin so weit, dass er in die Schön-Klinik nach Vogtareuth am Chiemsee verlegt werden konnte. In der Fachklinik für Orthopädie, Neurologie und Innere Medizin machte er weitere Fortschritte. Von März bis August 2014 war Marvin dort mit seinem Vater.

Die Ärzte sprachen von einem "medizinischen Wunder" und davon, "dass es in der Geschichte der Klinik noch keinen vergleichbaren Fall gegeben hat". Trotzdem war das Resümee ernüchternd: "Marvin wird nie wieder sprechen und laufen können." Aber Marvin ist anders. Seit September 2015 ist er in der Petö-Tagesstätte in Erbendorf, wird intensiv betreut und macht ständig Fortschritte. So gut, dass es heißt, er könne durchaus wieder Laufen lernen.

Mit seinem Spezial-Rollator ist er in der Lage, sich ein wenig fortzubewegen oder aufrecht zu stehen. Von einer Freundin erfuhr Kerstin Frank von einer Spezialklinik in der Slowakei, in der Marvin möglicherweise weitere Hilfe bekommen könnte. Im November vergangenen Jahres reiste Kerstin Frank mit ihrem Sohn für drei Wochen ins "Adeli Medical Center" in Piest'any bei Dubnitz an der Waag in der Slowakei. Der Aufenthalt kostete rund 7000 Euro. "Aber das war jeden Cent wert", sagt die Mama, die mit einem 20-Stunden-Job die vierköpfige Familie (dazu gehört noch Tochter Marlen) ernähren muss, seit Vater Thomas mehrere leichte Schlaganfälle erlitten hat und es fraglich ist, ob er je wieder arbeiten kann.

Spezialanzug


Marvins Therapien sind sehr teuer und werden von der Krankenkasse nur teilweise bezahlt. An der Finanzierung der ersten haben sich die Familie, Freunde, Bekannte und Nachbarn beteiligt. Marvin lohnte es mit gewaltigen Fortschritten. Die Wörter, die er bereits wieder sprechen kann, werden mehr. Mittlerweile war Kerstin Frank zum dritten Mal in der slowakischen Klinik. Von Montag bis einschließlich Samstag wird Marvin dort täglich sechs bis acht Stunden lang therapiert. Unter anderem hat er einen Spezialanzug, der ihn bei falschen Bewegungen automatisch in die richtige Stellung zurückbringt. Irgendwann speichert das Gehirn diese Bewegungen und erkennt sie wieder als normal. Quasi eine Neuprogrammierung der zuständigen Steuereinheit im Gehirn. Aktuell geht Marvin, von der Mutter gestützt, neben ihr her. Keine großen Strecken - aber weiter, als die medizinische Fachwelt je geglaubt hätte. Auch ist er auf dem besten Weg, sich zu artikulieren, und sein Wortschatz wächst.

Das "Adeli Medical Center" ist in der Neuro-Rehabilitation europaweiter Pionier. Um die Aufenthalte zu finanzieren, hat die Familie Frank vielfältige Unterstützung erfahren. Über das BRK Tirschenreuth wurde ein Treuhandkonto für die Therapien für Marvin eingerichtet. Familie, Freunde, Bekannte, Nachbarn, wildfremde Leute, Vereine, Institutionen und Firmen beteiligen sich über das Konto an der Finanzierung für die aufwendigen Behandlungen. Auch die Aktion Lichtblicke unserer Zeitung ist mit im Boot.

Der Kreisgeschäftsführer des BRK Tirschenreuth, Holger Schedl, hat sich mit den Verantwortlichen der zuständigen Krankenkasse an einen Tisch gesetzt. Mit dem Ergebnis, dass die Kasse zugesagt hat, eine Therapie in der Slowakei in dem Rahmen zu bezahlen, was eine Reha-Maßnahme in Deutschland kosten würde. Marvin muss aber zweimal im Jahr mit Begleitperson dorthin.

Gutes Polster


Nachdem die Kasse Reha-Maßnahmen in der Regel höchstens alle vier, ausnahmsweise zwei Jahre genehmigt, sind hier wieder Grenzen gesetzt, so dass es ohne enorme private Zuzahlungen nicht geht. Jede Maßnahme ist dabei neu zu beantragen. Umso mehr freut sich Kerstin Frank, dass das Treuhandkonto ein Polster aufweist, das die nächste Reise im November ermöglicht. Sie dankt ausdrücklich allen, die sich mit allen möglichen Aktionen an der Spendenaktion beteiligen.

Nachdem Marvin das einzige Kind ist, das im neuen Schuljahr am Vormittag in der Petö-Tagesstätte in Erbendorf betreut würde, hat der Träger das Angebot gestrichen. Dafür wurde Marvin am Dienstagvormittag erstmals in der schulvorbereitenden Einrichtung der Lebenshilfe in Mitterteich aufgenommen. Mittags wird er immer abgeholt und nach Erbendorf in die ihm bekannte Petö-Tagesstätte gebracht, wo er weiterhin seine Anwendungen erhält.

In der Geschichte der Klinik hat es noch keinen vergleichbaren Fall gegeben.Ärzte der Schön-Klinik


Spenden für MarvinFür Marvin ist über den BRK-Kreisverband Tirschenreuth bei der Sparkasse Oberpfalz Nord ein Spendenkonto eingerichtet worden. IBAN: DE97 7535 0000 0011 3107 45, BIC: BYLADEM1WEN. Verwendungszweck: "Spendenaktion Marvin Frank". Alle Einzahlungen werden für die Familie verwaltet und gegen Vorlage einer offenen Rechnung direkt an die jeweiligen Stellen ausbezahlt. Eine Spendenquittung kann nicht erstellt werden, weil die Mittel nicht dem BRK zufließen, sondern ausschließlich Marvin zugutekommen. (tr)
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