Zukunftspläne für Geschichtspark
Mekka der Mittelalter-Forschung

Kein Disneyland: Die nach wissenschaftlichen Methoden aufgebauten Gebäude aus dem 8. bis 13. Jahrhundert entsprechen historischen Vorbildern. Bilder: Grüner (3)
Vermischtes
Bärnau
25.09.2016
920
0
 
Archäologe Stefan Wolters.
 
Publikumsmagnet: der Wehrturm.

Das gefällt Albert Füracker: Der Geschichtspark Bärnau sei eine "sehr, sehr gute Geschichte", findet der Staatssekretär im Heimatministerium. "Das geplante Archäozentrum ist ein wichtiger Baustein der universitären Zusammenarbeit Bayerns und Böhmens. Gemeinsam schreiben wir die Erfolgsgeschichte weiter."

Aber der Reihe nach. Seit 2010 lockte das Freilandmuseum im Stiftland 90 000 Besucher nach Bärnau - Mittelalterfans genauso wie Familien aus der Region. Dennoch finden die Erfinder des Areals, Initiator Alfred Wolf und Archäologe Stefan Wolters, dass noch viel mehr Potenzial im lebendigen Mitmach-Museum steckt. Und obwohl der Trägerverein "Via Carolina" gegen manche Widerstände schon 4,6 Millionen Euro in die Hand genommen hat - EU-Fördergelder, Mitgliedsbeiträge und private Spenden - wagen die Visionäre jetzt den nächsten Schritt: das Projekt Archäozentrum.

Uni-Trio-Kooperation


In einem gemeinsamen Memorandum erklären die Universitäten Bamberg, Pilsen und Prag die wissenschaftliche Zusammenarbeit im archäologischen Freilandmuseum an der tschechischen Grenze: "Das Archäozentrum wird als gemeinsames Institut entwickelt", freut sich Stefan Wolters. "Es ist ein Kompliment", findet Alfred Wolf, "dass uns die Bezirksregierung in Regensburg aufgefordert hat, auf unsere bisherige Arbeit noch was draufzusatteln - und dass es uns gelungen ist, drei Universitäten hier zusammenzubringen."

Was kann man sich unter einem Archäozentrum vorstellen? "Das wird eine archäologische Dauerbaustelle", reibt sich Wolters als experimenteller Archäologe die Hände, "eine Kaiserpfalz, 30 auf 40 Meter, an der 15 bis 20 Jahre gebaut wird - so etwas gibt es nirgends." Die Idee dahinter: In enger Zusammenarbeit sollen Wissenschaftler, vier hauptamtliche Handwerker, die in der Tracht mittelalterlicher Baumeister, Mauerer und Zimmersleute Hand anlegen, aber auch Mittelalterfans, die sich ein profundes Wissen angeeignet haben, miteinander der Wirklichkeit einer Baustelle des 14. Jahrhundert näher kommen.

"Die beteiligten Universitäten werden ihre Archäologiestudenten durch unser Labor schleusen", erklärt Wolters den Mehrwert für die Universitätsstädte. "Ein Archäologe, der weiß, wie man einen Ofen baut, tut sich leichter, gefundene Reste zuzuordnen." Wenn das Projekt am 13. und 14. Dezember den Lenkungsausschuss überzeugt, werden Bamberg (40 Archäologie-Studenten), Pilsen (100) und Prag (120) künftig in Bärnau den Praxistest absolvieren und im interdisziplinären Labor zusammen mit den Praktikern ihre Forschungsergebnisse festhalten.

"Das muss man sich mal vorstellen", sagt Wolf mit glänzenden Augen, "unser 3000-Einwohner-Städtchen als Mekka der Mittelalterforschung." Ein Pfund, mit dem die ganze Region wuchern könnte. Zumal Wolters nicht nur den Geschichtspark im Sinn hat: "Wir haben uns zusammen mit dem tschechischen Projektpartner im historischen Park ,Goldene Straße' von Beginn an mit der Originaltrasse dieses mittelalterlichen Handelswegs zwischen Nürnberg und Prag beschäftigt." Das Infrastrukturprojekt Kaiser Karls IV., das durch die nördliche Oberpfalz von Bärnau bis zur damaligen Hauptstadt Neuböhmens, Sulzbach-Rosenberg, verläuft, schwebt den Touristikern längst als glänzende Dachmarke der Region vor.

Große Vorbilder


"Was die Kreativität bei Ausgestaltung und Marketing anbelangt bin ich sehr aufgeschlossen", kann sich Förderer Füracker weitere Schritte vorstellen, um den Geschichtspark an der Goldenen Straße überregional zum Publikumserfolg zu machen. Schließlich hatten sich die ambitionierten Initiatoren vor der Eröffnung des Parks erfolgversprechende Vorbilder angeschaut: das fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim, die Bachritterburg Kanzach, das Wikinger Museum Haithabu bei Schleswig oder das Freilichtmuseum Vikinge-Center in der ältesten dänischen Stadt Ribe etwa.

"Der Impuls muss aus der Gegend kommen", sagt Füracker, "dann schieben wir gerne mit an." Das Heimatministerium will mithelfen, den Interreg-Antrag vorzubereiten. "Wir haben ein großes Interesse an einer Koordinierungsstelle für Bildung und Begegnung", ergänzt der Oberpfälzer Politiker. "Das ist eine spannende Schnittstelle zwischen ehrenamtlicher, wissenschaftlicher und handwerklicher Arbeit. Wir wollen, dass Schüler und Studenten sehen, wie so etwas funktioniert."

Auf die Unterstützung von höchster heimatlicher Stelle sind die Bärnauer Macher natürlich stolz. "Wir haben schon einige von unserem Konzept überzeugen können", appelliert Wolf, "es wäre toll, wenn der Funke jetzt auf die Skeptiker überspringen würde."

"Wir haben schon Konvertiten""Der Geschichtspark Bärnau ist kein Disneyland", legt Archäologe Stefan Wolters Wert auf die Seriosität des Projekts. Sein Konzept für die Anlage: nach wissenschaftlichen Methoden aufgebaute Gebäuden aus dem 8. bis 13 Jahrhundert. Dennoch geht es den Initiatoren nicht um den akademisch Elfenbeinturm. Sie wollen Geschichte visualisieren. "Wer schon mal bei uns war, ist begeistert", sagt er, "wir begehen einen schmalen Grat zwischen Tourismus und Bildung." Im Klartext: Inzwischen beleben vor allem an Wochenenden bis zu 160 Mittelalterfans ein slawisches Dorf aus dem Frühmittelalter, die Turmhügelburg des 11. Jahrhunderts oder die hochmittelalterliche Siedlung. "Sie können ihre Julfeiern hier abhalten, ihr Hobby ausleben, aber bitte ohne Tomaten und Kartoffeln, Handy oder Schlafsack", sagt er schmunzelnd.

Die Grenzen sind fließend: "Viele kommen vom Marktspektakel in Bärnau rüber und schauen sich an, wie's wirklich war, das Leben im Mittelalter - wir haben auch schon Konvertiten." (jrh)

Goldene Geschichte

Norbert Neugirg bekommt die Krise, wenn ein Hiesiger seine Heimat „nördliche Oberpfalz“ nennt – für den Komiker aus Neuhaus eine Antiwerbung. Das zumindest in Franken werbeträchtigste Oberpfälzer Gesicht mit der Zahnlücke plädiert für eine Zoigl-Region. Gäste aus Hamburg und Übersee beweisen: Das süffige Alleinstellungsmerkmal lockt.

Der Tourismusverband hat sich den Oberpfälzer Wald auf die Fahnen geschrieben und versucht mit dieser Marke, Wanderer und Radfahrer von der Region zu überzeugen – nach dem Erfolgsmodell Bayerischer und Böhmerwald.

Mit dem Geschichtspark Bärnau und dem geplanten Archäozentrum kommt ein neuer Faktor ins Spiel: eine mittelalterliche Baustelle betrieben von renommierten Archäologen der Unis Bamberg, Pilsen und Prag – ein Novum. Und das Ganze wie im Wikingerdorf Haithabu zum Anfassen – eine authentische Zeitreise in die Epoche Kaiser Karls IV.
Apropos des Kaisers Goldene Straße – das goldene Band, das alle Themen verbindet, kann als glänzende Dachmarke über allen Facetten thronen. Sie verbindet Bayern und Böhmen, die beiden hervorragenden Bierregionen Europas. Und sie macht deutlich, dass über Jahrhunderte Slawen und Bajuwaren nicht nur friedlich koexistierten und zum gegenseitigen Nutzen miteinander Handel trieben.

Die archäologische und historische Forschung in Bärnau stellt auch dar, wie beide Brüdervölker zusammen siedelten, sich gegenseitig beeinflussten und befruchteten – im wahrsten Sinn des Wortes. Ein goldenes Beispiel für gelebte Integration.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.