Adventskranz als Neuland

Der Flüchtling Turi aus Afghanistan sitzt hinter dem Adventskranz in seiner Wohngruppe. Bild: dpa
Archiv
Bayern
19.12.2014
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Viele Flüchtlinge in Deutschland feiern in diesem Jahr das erste Weihnachten ihres Lebens. Die deutschen Bräuche stellen sie manchmal vor Rätsel, ihre Wünsche sind dafür umso klarer.

Turi nimmt ein Streichholz, beugt sich über den Adventskranz und zündet drei der Kerzen an. Hinter ihm an der Wand hängt ein Adventskalender, im Hausflur steht schon der Weihnachtsbaum bereit. Für Turi ist all das keine Selbstverständlichkeit. Warum es jeden Tag etwas Süßes gibt und wann er welche Kerze anzünden kann, musste er erst erklärt bekommen. Er lacht. "Das ging am Anfang durcheinander."

Turi stammt aus Afghanistan und ist nach Deutschland geflüchtet - Weihnachten hatte er bisher nie gefeiert. Mit Turi sitzen noch andere junge Flüchtlinge am Tisch. Sie wohnen in einer Wohngruppe der Caritas in Nürnberg. Die meisten sind Muslime. Trotzdem bereiten sie sich heute auf ihre Weihnachtsfeier vor. Tischdeko basteln steht auf dem Plan. Mit bunten Stiften verzieren sie die Serviettenringe, die gebraucht werden. Daniela Popp betreut die Wohngruppe. "Lichter und Lieder bei der Feier machen ein tolles Ambiente - das ist auch für Nicht-Christen schön."

Auch wenn viele Flüchtlinge - wie Turi - bisher kein Weihnachten gefeiert haben, sei es für sie eine schöne Erfahrung, sagt Erwin Bartsch von der Asylgruppe Zirndorf. "Santa Claus ist international bekannt. Auch wenn die Menschen ihre eigenen religiösen Feste haben, kommen sie gerne, um mitzufeiern." Zwar sind unter den Flüchtlingen auch viele orthodoxe Christen, die Weihnachten auch zu Hause feiern würden, aber die Bräuche aus ihrer Heimat unterscheiden sich stark von den deutschen Traditionen. Das erzählt auch Fikirte aus der Nürnberger Wohngruppe. Die 18-Jährige aus Äthiopien ist orthodoxe Christin.

Weihnachten im Januar

Weihnachten beginnt in ihrer Heimat erst am 6. Januar. "Wir sind die ganze Nacht in der Kirche und übernachten dort auch." Bis dahin werde gefastet. In Deutschland sei das keine leichte Aufgabe, denn überall gäbe es Plätzchen und Schokolade, sagt sie. Jeder Jugendliche hat seine eigene, schlimme Fluchtgeschichte. Was sie genau erlebt haben, wissen auch die Betreuer nicht immer. Umso mehr versuchen sie, den Flüchtlingen ein schönes Weihnachten zu bereiten. Wer auch in der Heimat Weihnachten feiert, so wie Fikirte, vermisst in dieser Zeit seine Familie besonders.

Wunsch, bleiben zu dürfen

Wenn die Flüchtlinge über ihre Weihnachtswünsche sprechen, wird deutlich, wie sehr sie mit existenziellen Sorgen beschäftigt sind. "Ich wünsche mir eine Arbeitserlaubnis - und eine Playstation", sagt ein Junge. Und natürlich würden sie alle gerne dauerhaft in Deutschland bleiben. Bisher sind sie geduldet. "Aber diese Duldung im Nacken und das Gefühl, sie könnten jederzeit abgeschoben werden, macht sie nervös", sagt Popp. Fikirtes größter Weihnachtswunsch ist eine eigene Wohnung. Doch etwas Eigenes zu finden, sei schwer.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/migrantentag
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