Bäume sollen Geld abwerfen

Forstbetriebsleiter Reinhard Lenz - hier vor einem Buchen-Setzling - ist die Umwandlung in stabile Mischwälder ein großes Anliegen.
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Bayern
07.10.2015
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Jeder Spaziergänger kennt den Unterschied: geschotterte "Autobahnen" im Staatswald und wurzelige Steige im Privatwald. Die große Forstreform jährt sich heuer zum zehnten Mal. Die Bayerischen Staatsforsten verstehen sich als Wirtschaftsunternehmen. Ist die Kritik an "Gewinn-Maximierung" auf Kosten des Walds gerechtfertigt?

Weiden/Amberg. Die von der CSU durchgedrückte Reform beendete 2005 abrupt 250 Jahre Einheitsforstverwaltung im Freistaat. Für die neu firmierten Bayerischen Staatsforsten (BaySF) - als Anstalt des öffentlichen Rechts - mit Sitz in Regensburg gelten "privatwirtschaftliche Grundsätze". Die hoheitliche Aufgabe der Forst-Aufsicht ist seitdem an die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) - vormals Landwirtschaftsämter - angegliedert.

Mit Fakten hält Reinhard Lenz gegen die Kritik an der "Ausbeutung". Als Forstbetriebsleiter der BaySF verantwortet der 62-Jährige von Schnaittenbach (Kreis Amberg-Sulzbach) aus mit seinen 60 Mitarbeitern 24 000 Hektar Waldfläche - vom Hessenreuther Wald, Manteler Wald über Freudenberg und Sulzbach-Rosenberg bis Königstein - in fünf Landkreisen. "In 10 Jahren pflanzten wir 1,5 Millionen Bäume für Mischwald, Buche, Eiche, Ahorn, Lärche und Tanne, zur Stabilisierung des Öko-Systems." Lenz rechnet vor, dass jährlich 130 000 Festmeter Holz (ein Ster entspricht 0,7 Festmeter) geerntet werden, aber 167 000 Festmeter nachwachsen. Vor der Reform hätten sich Einschlag und Wachstum die Waage gehalten. "Wir haben nie an der Substanz gekratzt. Wir sägen nicht den Ast ab, auf dem wir sitzen." Im Freistaat vermarkten die Staatsforsten 4,9 Millionen Festmeter Holz im Jahr, 6 Millionen Festmeter wachsen nach. Lenz: "Vor der Reform wurden 6 Millionen Festmeter gefällt."

70 Millionen Euro Gewinn

Die insgesamt 41 BaySF-Forstbetriebe erzielten 2014 einen Umsatz von 415,5 Millionen Euro. Nach Informationen unserer Zeitung belief sich der Gewinn auf rund 70 Millionen Euro, wozu der Betrieb in Schnaittenbach jährlich 3,5 bis 4 Millionen Euro beisteuert. Nach angeblichen "roten Zahlen" vor der Reform nennt Lenz weitere Vorteile: schnellere Prozessabläufe, effektive Restholz-Verwertung (Hackschnitzel), mehr Eigenständigkeit, bessere technische Ausstattung (EDV, Logistik). "Durch die freie Werk-Lieferung lagert das Holz meist zwei Wochen im Wald, früher waren es oft Jahre, was zu Qualitätseinbußen führte."

"Keine Frage: Wir verkaufen Holz und es ist ein Grundprinzip, dass wirtschaftlich was übrig bleibt", sagt Lenz. Bei der Nachhaltigkeit denkt er in "Wald-Generationen" von 90 bis 180 Jahren; sie entsprechen - je nach Standort - 3 bis 6 Menschen-Generationen. "Die Bewirtschaft heute hat nicht nur Auswirkungen auf die Söhne, sondern auf die Ururenkel." Dabei sei die Nicht-Nutzung genauso wichtig wie die Nutzung des Walds. Aber ohne Durchforstung und Pflege würden selbst Mischbestände immer instabiler: "Ein bis zwei Baumarten setzen sich dann durch und wachsen die anderen Arten förmlich tot."

Kritisch wird vor allem der konzentrierte Einsatz von Wald-Erntemaschinen (Harvester) im Staatswald gesehen. Lenz lässt keinen Zweifel daran, dass der Harvester auf moorigen Böden "Zerstörungen auf Jahrzehnte" verursacht. "Deshalb arbeiten wir hier mit dem Seil-Kran." Auf sandigen Böden sei der Harvester überhaupt kein Thema, "ansonsten armieren wir die Rückegassen durch Astwerk, auf dem der Harvester wie auf einer Matratze fährt". Auf tiefen Böden komme der teurere Harvester mit 120er Bigfoot-Reifen auf vier Achsen zum Einsatz. Die vier Meter breiten Rückegassen im Abstand von 30 Metern beanspruchen 12 Prozent der Waldfläche. Lenz: "88 Prozent bleiben somit unbeeinflusst, während ohne Harvester kreuz und quer durch den Wald gefahren wird."

Als "putzig" und "Anachronismus vom Feinsten" wertet der Betriebsleiter den Einsatz von Kaltblütern als Rückepferde: "Auf einen Harvester müssten 10 Rückepferde kommen, um 200 Festmeter am Tag zu schaffen." Pferde machten nur in steilem, felsigem Gelände Sinn. Der Forstbetrieb Schnaittenbach leistet sich immerhin einen Kaltblüter für das Revier bei Königstein. Ein Waldarbeiter mit der Motorsäge schafft übrigens etwa 20 Festmeter täglich. "Bei großflächigen Schnee- und Windwürfen wäre es lebensgefährlich und nicht zu verantworten, einen Waldarbeiter mit der Motorsäge rein zu schicken."

"Grünes Gewissen"

750 Kilometer Forststraßen unterhält BaySF Schnaittenbach in der Region. Davon mussten 200 Kilometer seit der Reform generalsaniert werden, "um diese reinen Schönwetter-Wege ganzjährig für die bis zu 45 Tonnen schweren Lastzüge befahrbar zu machen", betont Lenz. Es dauere nur drei Jahre, bis die aufgeschotterten, "abgesandeten" und mit einer "feinen Splitschicht" versehenen Forststraßen wieder "eingewachsen" seien. 150 Kilometer Forstraßen in der Region dienen auch als öffentliche Radwanderwege, die in den Freizeitkarten der Kommunen ausgewiesen sind. Lenz: "Dieser Standard ist jedoch nicht auf alle Forstwege übertragbar. Ein Wirtschaftsweg dient nun mal der Bewirtschaftung."

Lenz leitete bis Ende der 90er Jahre das Forstamt in Weiden. Sein persönliches Fazit zehn Jahre nach der Reform: "Es ist immer problematisch, an etwas festzuhalten. Wir haben nach wie vor alle ein grünes Gewissen", versichert Reinhard Lenz.
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