Der Tod im tiefen Tal

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Bayern
19.10.2015
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Heute führt eine Autobahnbrücke über die Münchberger Senke mit ihren tückischen Nebelschwaden. Ein Messsystem regelt die Geschwindigkeit je nach Witterung und Verkehrsaufkommen. Denn so eine verheerende Massenkarambolage wie 1990 soll nicht noch einmal passieren.

Die Autobahn 9 führt bei Münchberg in Oberfranken durch eine Senke, in der sich Nebel besonders zäh hält. So auch am 19. Oktober 1990: Viele Autofahrer sind überrascht vom undurchdringlichen Grau, in ein paar Minuten nur krachen 100 Autos ineinander. Zu einer der schlimmsten und dramatischsten Massenkarambolagen, die es je auf deutschen Straßen gegeben hat, kommt es aber erst, als ein fast 40 Tonnen schwerer Milchlaster mit viel zu hoher Geschwindigkeit in die Unfallstelle fährt.

Autos als Knäuel

Wie ein Schneepflug, so rekonstruieren Sachverständige später, schiebt sich der Laster die Autobahn entlang. Mehrere Fahrzeuge werden zu einem Knäuel zusammengequetscht. Die Bilanz: zehn Tote und 122 Verletzte, 38 davon schwer. 25 Jahre ist dieser Unfall nun her. An der Senke im Kreis Hof ist seitdem viel gebaut worden. Die Strecke verläuft nun höher, über eine 500 Meter lange Talbrücke. Damit sollten die Sichtbedingungen verbessert werden. Dennoch habe sich gezeigt, dass bei Nässe noch häufig Unfälle auftreten, sagt eine Sprecherin der Autobahndirektion Nordbayern in Nürnberg. 2005 sei deshalb eine "Streckenbeeinflussungsanlage" nachgerüstet worden.

Sie regelt automatisch die zugelassene Geschwindigkeit - abhängig von Wetter und Verkehr. Auch ein Überholverbot für Laster kann bei Bedarf verhängt werden. Dafür sind unter anderem Sensoren in die Fahrbahn eingelassen worden, die Wasserfilmdicke, Fahrbahntemperatur und Gefriertemperatur messen. Die Unfallrate habe sich deshalb um 75 Prozent verringert und entspreche jetzt dem Durchschnitt.

Rückblende: Als der Eiserne Vorhang Europa trennte, war die A9 in Richtung Grenze ein verschlafenes Stück Fernstraße. 1988 fuhren dort in Grenznähe lediglich 18 000 Fahrzeuge pro Tag. Das änderte sich schlagartig, als 1989 die Mauer fiel. 1990 waren 40 000 Autos und Lkws pro Tag unterwegs. Für dieses Verkehrsaufkommen war die Strecke aber noch längst nicht hergerichtet worden.

Geduldige Verletzte

Uli Saalfrank gehörte am 19. Oktober 1990 zu den Rettungssanitätern an der fast einen Kilometer langen Unfallstelle. Dieser Einsatz sei natürlich immer noch präsent bei ihm, sagt er. Eine Frau hatte mit ansehen müssen, wie ihre beiden Kinder auf der Rückbank des Wagens starben. Saalfrank (50) arbeitet heute in Hof beim Roten Kreuz als Schichtführer in der Leitstelle. Sehr ruhig seien die Menschen damals geblieben. Vor allem Leichtverletzte hätten sich gegenseitig geholfen und geduldig gewartet, bis sie abtransportiert werden konnten. Wegen des dichten Nebels konnten keine Hubschrauber eingesetzt werden.

Der damals 26 Jahre alte Milchlaster-Fahrer wurde im November 1992 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Direkt nach dem verheerenden Unfall hatte er die Tachoscheibe verschluckt, um zu verschleiern, dass er die zulässigen Lenkzeiten überschritten hatte. Der letzte schlimme Unfall bei Münchberg ereignete sich 2003. Am 11. April fiel noch einmal Schnee. Mehr als 180 Fahrzeuge fuhren ineinander, etwa 100 Menschen wurden verletzt. Es gab aber keine Toten.
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