Ein geschichtsträchtiger Tag

Foto aus HUP-Import
Archiv
Bayern
09.11.2015
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Revolution, Freiheit, Demokratie, Putsch, Diktatur und Menschenverachtung. All das vereint ein Tag in sich - der 9. November. Ein Rückblick auf mehr als 150 Jahre.

Die erste Republik, der erste Versuch einer Machtübernahme durch die Nazis, Gewaltexzesse gegen Juden und schließlich der Fall der Mauer. Diese letzte Zeitenwende leitet schließlich der erst kürzlich verstorbene Günter Schabowski ein - mehr aus Tollpatschigkeit als mit Plan. Am Abend des 9. November 1989 trat das SED-Politbüromitglied vor die internationale Presse. Kurz vor Ende der Pressekonferenz teilt der Politfunktionär zum neuen DDR-Reisegesetz fast versehentlich mit, dass Reisen ins Ausland ohne besondere Voraussetzungen möglich sind. "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich", verkündet Schabowski. Seine Genossen wissen von nichts. Doch der Reihe nach:

1848

Robert Blum, liberaler Abgeordneter der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, wird nach einem Aufstand in Wien von kaiserlichen österreichischen Truppen standrechtlich erschossen. Sein Tod markiert das Ende der Märzrevolution. Blum als Verfechter eines demokratischen deutschen Nationalstaates wird für Generationen zur Symbolfigur für Freiheit und Demokratie.

1918

Vom Berliner Reichstag ruft der SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann die deutsche Republik aus. Zwei Stunden später erklärt der Kommunist Karl Liebknecht vor dem Berliner Stadtschloss die "Freie Sozialistische Republik". Reichskanzler Prinz Max von Baden gibt eigenmächtig den Thronverzicht von Kaiser Wilhelm II. bekannt und tritt zurück. Die Regierungsgeschäfte werden dem Vorsitzenden der SPD und späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert übertragen. Auslöser war eine Meuterei in der Marine Ende Oktober 1918. Kriegsmüdigkeit, Frustration und die Angst, am Ende eines verlorenen Krieges in eine große Seeschlacht gegen die überlegene britische Royal Navy ziehen zu müssen, legen die Lunte an das Pulverfass der Unzufriedenheit in der Flotte.

1923

Mit Polizeigewalt wird der "Marsch auf Berlin" an der Münchener Feldherrnhalle aufgelöst. 16 Hitler-Anhänger und drei Polizisten kommen ums Leben. Damit findet der Putschversuch von Adolf Hitler und Erich Ludendorff, dem ehemaligen Generalquartiermeister der kaiserlichen Armee, gegen die Weimarer Republik einen Tag nach seinem Beginn ein jähes Ende. Die NSDAP wird verboten, Hitler erhält fünf Jahre Festungshaft, kommt aber bereits nach wenigen Monaten frei.

Der erste Griff nach der Macht war für Hitler und die Nationalsozialisten eine empfindliche Niederlage - und doch ein Wegbereiter. Immerhin machte der Putsch Hitler und seine Partei in Deutschland schlagartig bekannt, laut Hitler-Biograph Joachim C. Fest verschaffte er dem Nationalsozialismus Märtyrer, eine Legende und "den Nimbus der Entschlossenheit".

1938

In der Nacht zum 10. November kommt es zu massenhaften Pogromen gegen Juden. Bei den Exzessen der Nazis werden nach Einschätzung von Historikern mehr als 1300 Menschen getötet und über 30 000 Juden in Konzentrationslager verschleppt. Etwa 7500 jüdische Geschäfte und Einrichtungen wurden demoliert, ein Großteil der rund 1200 Synagogen und Gebetshäuser niedergebrannt. "Alles, was man davon berichten kann, ist schwach gegen die Wirklichkeit", schreibt danach eine Berlinerin.

Der planmäßigen Zerstörung jüdischer Einrichtungen folgte bald die systematische Vernichtung jüdischen Lebens in ganz Deutschland und Europa. Äußerer Anlass ist das Attentat des Juden Herschel Grynszpan auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, am 7. November. Nach einem indirekten Pogromaufruf von Propagandaminister Josef Goebbels an die NSDAP- und SA-Führung erreicht die Terrorwelle am 9. und 10. November ihren Höhepunkt.

1989

Die Berliner Mauer fällt 28 Jahre nach dem Bau. Wenige Stunden nach der Pressekonferenz Schabowskis spielen sich vor den Grenzübergängen in Ost-Berlin tumultartige Szenen ab. Niemand weiß genau, ob die Grenzöffnung ein Gerücht, ein Versprecher oder tatsächlich eine gültige Entscheidung ist. Tausende Menschen stehen davor, um bei der Öffnung die ersten zu sein. Auch die Grenzsoldaten sind überrascht und wissen nicht, was los ist.

Keiner der Ost-Berliner lässt sich wieder nach Hause schicken. Die Grenzkommandanten sind auf sich gestellt, Anweisungen "von oben" gibt es nicht. Als erster Übergang öffnet der Kontrollpunkt Bornholmer Straße noch vor Mitternacht. Die Massen stürmen in den Westen. Unzählige Menschen sind im Freudentaumel. Das Ende der Nachkriegsordnung ist eingeläutet, das Tor zur deutschen Einheit aufgestoßen.
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