Ein Knall - und die Welt steht still

Ein Dorf im Ausnahmezustand: Mehr als 300 Einsatzkräfte waren am Dienstag zur Stelle und sperrten die Absturzstelle in einem Umkreis von einem Kilometer ab. Bild: Herda
Archiv
Bayern
12.08.2015
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Es ist eine surreale Szenerie: Die Sonne brennt vom Himmel, links von der Straße plätschern Kinder im Großen Rußweiher. Sirenen, zwei Feuerwehrwagen überholen. Dann ist die Straße komplett gesperrt. Bilder einer Beinahe-Katastrophe.

"Zur Pressesammelstelle?", fragt ein Polizist. "Tut mir leid, das geht nur noch über Waldwege, hier ist alles dicht." Wie genau? "Tja, so ungefähr ein Halbkreis." Die Luft flirrt, die trockene Erde knirscht unter den Rädern. Zwei drei Anläufe, zweimal umdrehen, dann sind hinter den Bäumen die ersten Fahrzeuge zu sehen. Engelmannsreuth, Kreuzung Braunbrunnen. Eine Dorfidylle, strahlend weiß-blauer Himmel, gemütliche Ziegeldächer - und davor eine Kolonne an Feuerwehrwagen.

Die Pressevertreter suchen zusammen mit der Feuerwehr Glashütten Schutz unter der Unterführung. Andere nutzen den minimalen Schatten ihrer Einsatzfahrzeuge oder der Versorgungszelte. Ein Feuerwehrmann trägt eine Tüte mit Eiswürfeln am Kopf - wehret den Sonnenstich.

Warten auf den Einsatz

"Das Schlimmste ist eigentlich das Warten", sagt Hans Freiberger. Der Bürgermeister der Verwaltungsgemeinschaft Prebitz war als einer der ersten vor Ort. "Ich war mit dem Unimog der Gemeinde unterwegs und wollte den Kindergarten wässern", schildert der gelernte Schreiner die Morgenstunden. "Ich hörte, dass ein Jet unheimlich laut war, sah den Rauch und habe es der Feuerwehr gemeldet." Der Mann weiß, was er tut, schließlich war er selbst zehn Jahre Kommandant. "Heute brauche ich zu lange", gibt er zu, "bis ich angezogen bin, sitzen die schon im Wagen - das Rheumatische."

Die Anwohner sind alarmiert, als sie den Lärm der Maschine hören: "Wie der über unser Haus geflogen ist, war das ungeheuer laut", mischt sich ein Mann ein. Natürlich seien Jets von Natur aus nicht gerade leise. "Aber der hat anders geklungen als die anderen fünf." Dann der gewaltige Knall. Für einen Moment stand die Welt in Engelmannsreuth still. "Ich war fertig", sagt Helga Ernst. Der 79-Jährigen kam es vor wie ein Blitzeinschlag im eigenen Garten.

Zwei Fahrzeuge sind kurz nach dem Absturz vor Ort. Der stellvertretende Kommandant erkundet die Lage mit dem Privatfahrzeug. "Keiner von uns hatte bisher mit so etwas zu tun", sagt Freiberger. Ein Waldarbeiter hat den Piloten 20 Meter von der Absturzstelle entfernt entdeckt und den Rettungsdienst informiert. "Der Fallschirm hing in einem Baum, dem jungen Mann fehlte so gut wie gar nichts", zitiert Freiberger Zeugen.

Der Waldarbeiter Ralf Häfele und der Baggerunternehmer Heinz Götzke, die sich lange im Gefahrengebiet aufgehalten hätten, "seien total neben der Kappe" gewesen und mussten wegen einer leichten Rauchvergiftung behandelt worden. "Sie sagten wie auch mein Vater, ,wir haben's gesehen', aber ich habe da ,meine Zweifel", ist der Bürgermeister skeptisch. Von seinen Einsätzen als Kommandant wisse er, wie leicht einem die Wahrnehmung in solchen Extremsituationen einen Streich spiele.

Am Anfang sei die Koordination der mehr als 300 Einsatzkräfte noch nicht ganz rund gelaufen. Aber der große Vorteil der 30 Löschzüge des Landkreises Bayreuth sei, dass sie zusammenarbeiteten. "Ich bin stolz auf meine Feuerwehr", lobt Freiberger, "die haben alles richtig erkannt und mit den Führungskräften der Auerbacher, Nürnberger und Amerikaner super zusammengespielt - das war wie eine Übung, ein internationaler Einsatz."

Als die Armee-Feuerwehr aus Grafenwöhr und der Nürnberger Sondertrupp anrückten, ist der Einsatz an der Absturzstelle erst einmal vorbei: ",Leute, alle raus', haben die gesagt." Sie hätten zuerst einen Ring von 400 Metern, später dann von einem Kilometer um die Unfallstelle gezogen. "Das war unser Job, das abzusperren," sagt Freiberger. Rein durfte man nur noch mit Chemikalienschutzanzug, raus nur nach Dekontamination von Kleidung und Fahrzeugen.

"Wir mussten die Neugierigen aus dem Wald rausholen", schüttelt Freiberger den Kopf. "Die Leute sind so unvernünftig." Dabei könne sich jeder ausmalen, welche Gifte beim Absturz eines Kampfjets freigesetzt werden. "Es war eh schon ein Riesenglück, dass das Flugzeug genau auf diese Schonung gestürzt ist und keinen Waldbrand verursachte." 100 Meter weiter und alles hätte dramatisch enden können. "Wir sind hier rund 1000 Meter weg - je nach Windrichtung hätte man einige Orte evakuieren müssen."

Kein Glück im Unglück

Für Glück im Unglück hält die US-Armee das Manöver des 27-jährigen Piloten mitnichten. Er sei vielmehr ausgebildet, in solchen Situationen Risiken für die Bevölkerung zu minimieren. "Er flog auf freies Gelände und warf die mitgeführten Reservetanks mit einem Fassungsvermögen von jeweils 1400 Litern sowie die Rauchgranaten ab, ehe er sich mit dem Schleudersitz rettete und die Maschine in dem Waldgebiet abstürzte", erklärt Colonel Steve Horton von der US-Luftwaffe.

An der Unfallstelle löschen die Nürnberger und die Grafenwöhrer mit einem Flugzeuglöschgerät und einem kleinen Panzer mit Kreiselpumpe. "Das ist unheimlich anstrengend, in so einem Schutzanzug zu arbeiten", sagt Freiberger, "da brauchst danach nichts mehr". Der Bürgermeister aber braucht jetzt endlich eine Brotzeit. "Ich hab' den ganzen Tag noch nichts gegessen", zuckt er entschuldigend die Schultern und verschwindet Richtung Versorgungszelt.
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