Ex-Chefarzt weicht aus

Zum Auftakt äußerte sich der ehemalige Chefarzt nicht zu den Vorwürfen und zählte stattdessen seine medizinischen Erfolge auf - bis der Vorsitzende Richter ihn schließlich unterbrach. Bild: dpa
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Bayern
08.04.2015
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Vor Gericht kündigt er medizinische Begründungen für seine Handlungen an. Doch die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: Der Bamberger Chefarzt nutzte das Vertrauen von Mitarbeiterinnen und Patientinnen aus, um sie sexuell zu missbrauchen.

Bis August 2014 war er ein angesehener Mediziner mit Chefarzt-Posten am Bamberger Klinikum, mit Haus in schöner Lage, Frau und zwei Kindern. Doch dann wurden Vorwürfe laut, die seine Karriere schlagartig beendeten. Jetzt sitzt der 49-Jährige als Angeklagter in einem Prozess um Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und gefährliche Körperverletzung. Eine Stunde lang verliest Staatsanwalt Bernhard Lieb am Dienstag die Anklageschrift.

Der Arzt soll sich von 2008 bis 2014 in mehreren Fällen an Patientinnen und Mitarbeiterinnen vergangen haben - die jüngste war 17 Jahre alt, die älteste 28. Laut Anklage nutzte er das Vertrauen aus, das die Frauen ihm als Arzt entgegenbrachten, und behauptete, den Frauen für eine Ultraschall-Untersuchung von Blutgefäßen ein Kontrastmittel zu spritzen. Tatsächlich habe er sie betäubt, um sie zu missbrauchen und ihren Intimbereich zu filmen und zu fotografieren.

Für die angeblichen Untersuchungen gibt es keine Unterlagen und keine Dokumentationen. Auch nicht für die angeblich zugrundeliegende medizinische Studie. Zwölf Frauen treten als Nebenklägerinnen auf, vier sind im Landgericht Bamberg anwesend. Erinnern können sie sich wegen des Betäubungsmittels nicht. Die Fotos und Videos sind das Beweismaterial der Staatsanwaltschaft.

Im Saal sitzt auch die Frau, die den Fall ans Licht brachte. Die Medizinstudentin hatte nach der Untersuchung Erinnerungslücken, ließ deshalb ihr Blut untersuchen. Man entdeckte Spuren eines Betäubungsmittels, sie erstattete Anzeige. Die Ermittlungen förderten weitere Fälle zutage. Darunter einen mutmaßlichen Vorfall abseits der Klinik: Mit der damals 18 Jahre alten Patentochter seiner Frau soll der Mann einen Ausflug gemacht, dabei ein Doppelzimmer gebucht und sie heimlich auf dem Bett liegend gefilmt haben.

Seit Ende August sitzt der Arzt in Untersuchungshaft. Das Klinikum hat dem Mann gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe gekündigt und Geld an die Betroffenen gezahlt. Die Staatsanwaltschaft sieht ein Berufsverbot als "unerlässlich" an. Seine Existenz sei vernichtet, sagen seine Anwälte. Sie sprechen von Vorverurteilungen und davon, dass die Unschuldsvermutung ausgehebelt sei. Es werde nicht daran gedacht, dass ihr Mandant vielleicht auf unkonventionellem Wege nach neuen Behandlungsmethoden gesucht habe.

Begründungen angekündigt

Um über die einzelnen Fälle Auskunft zu geben, brauche er noch Zeit, sagt der 49-Jährige. Er werde aber medizinische Begründungen liefern. Der eloquente und selbstbewusste Mediziner selbst will am ersten Verhandlungstag lediglich über seinen Lebenslauf sprechen, verweist auf Erfolge in fast zehn Jahren als Chefarzt. Der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt sagt schließlich: "Wir arbeiten hier themenorientiert." Für die Strafkammer interessanter wird es nächsten Dienstag, wenn sich der Angeklagte zu den Fällen äußert.
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