Fasching statt Faschos

Beamte einer Hundertschaft der Polizei begleiten den Neonazi-Aufmarsch.
Archiv
Bayern
16.02.2015
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Kehraus schon am Faschingssamstag: Als der rechte Spuk gegen 19 Uhr vorbei ist, kehren die Wunsiedler noch die braunen Reste weg.

Das Bündnis "Wunsiedel ist bunt" nahm am Samstagabend vorweg, was Karnevalsrecken sonst am Faschingsdienstag erledigen: "Wir haben ein Kehrkommando mit orangenen Westen gebildet, um nach altem Faschingsbrauch den braunen Dreck und die bösen Geister aus der Stadt zu kehren", sagt Wilfried Kukla, Versammlungsleiter der Protestaktion "Fasching statt Faschismus" .

Der Grünen-Stadtrat und die rund 250 Bürger aus Wunsiedel und Umgebung (Angabe des Veranstalters), die gegen den Neonazi-Aufmarsch mit etwa 90 Teilnehmern - vorgeblich zum Gedenken des 70. Jahrestags der Bombenangriffe auf Dresden - mit satirischen Mitteln protestierten, ließen sich die Faschingslaune nicht verderben. "Wir wollen die rechten Narren nicht zu ernst nehmen und haben ihnen das mit einem Spielmannszug, gemalten Plakaten und Büttenreden auch gezeigt."

Gegen den jährlichen Aufmarsch Hunderter Rechtsextremer zum "nationalen Heldengedenken" - Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß war in Wunsiedel begraben, sein Grab ist inzwischen aufgelöst - wehrt sich das oberfränkische Städtchen mit Humor: Beim Volkstrauertag im vergangenen Jahr wurden 250 Neonazis zum "unfreiwilligsten Spendenlauf Deutschlands" begrüßt. Für jeden Meter, den ein Neonazi zurücklegte, gingen zehn Euro an das Aussteigerprogramm Exit-Deutschland.

Gefroren und gemosert

Dass die Rechtsausleger - die meisten aus Bayern, Thüringen und Sachsen - erstmals an Fasching auf den Plan traten, hält Karl Rost, Sprecher des Bündnisses, für eine Trotzreaktion, "weil wir sie im Herbst verarscht haben". Viel Freude schienen die Neonazis dabei nicht gehabt zu haben: "Ein Mitstreiter hat sich bei denen eingeschlichen", erzählt Kukla. "Der sagt, die Stimmung war schlecht, sie haben gefroren und gemosert, dass es nichts zu essen gibt."

Eigentlich sei deren Marsch früher geplant gewesen, aber nach einer Kundgebung beim Bahnhof um 16 Uhr, sei der braune Zug erst kurz vor 17.30 Uhr am Marktplatz vorbeigezogen und nach 18 Uhr mit Fackeln auf der anderen Seite des Platzes wieder zurück. Organisationschaos ausgerechnet bei den Rechten - ein Plakat macht sich auch darüber lustig: "Wenn das der Führer wüsste ..."

Als Veranstalter der Aktion "Ein Licht für Dresden" trat erstmals die Vereinigung "Der III. Weg" in Erscheinung - "III." geschrieben als römische Ziffern kann als Synonym für III. Weltkrieg oder Drittes Reich gelesen werden. Nachdem das bayerische Innenministerium im Juli vergangenen Jahres das "Freie Netz Süd" verboten hatte, stand diese bereits als Organisationsplattform bereit.
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