Fassungslosigkeit in Franken

In Leutershausen bei Ansbach (Mittelfranken) wird eines der beiden Opfer des Amokläufers in einen Leichenwagen geschoben. Bilder: dpa
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Bayern
11.07.2015
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Er fährt ziellos übers Land und richtet seine Waffe auf Menschen, die seinen Weg kreuzen. Am Ende gibt es zwei Todesopfer zu beklagen. Und drei mutige Mitarbeiter einer Tankstelle werden zu Helden.

Es ist ein kurzer Moment, kaum mehr als ein Wimpernschlag, aber er reicht aus, um die Mitarbeiterin einer Tankstelle in Franken am Freitag zur Heldin einer ganzen Region zu machen. Die Frau, sagt der Ansbacher Kripochef Hermann Lennert später, habe sich einfach die Pistole gegriffen, die der bewaffnete Eindringling kurz auf den Tresen an der Kasse gelegt hatte - wohl in einem Augenblick der Unachtsamkeit.

Das genügt, um einen 47 Jahre alten Mann zu entwaffnen, der am Freitag die Region Ansbach für rund zwei Stunden in Angst und Schrecken versetzt hat. Denn zwei ebenso kräftige wie beherzte Mechaniker der Tankstelle in Bad Windsheim packen daraufhin den Mann und überwältigen ihn. Die Polizei, die mit 30 Beamten nach dem Flüchtigen gefahndet hat, braucht ihn nur noch in der Tankstelle festzunehmen.

Der Mut des Bad Windsheimer Tankstellen-Trios beendet einen Amoklauf, der innerhalb kurzer Zeit zwei Menschen das Leben gekostet hat. In dem abgelegenen Leutershauser Ortsteil Tiefenthal stirbt eine 82 Jahre alte Frau, die der Amokläufer vor ihrem Haus niederschießt. Genauso wahllos, davon ist die Kripo überzeugt, tötet er wenige Minuten später auf einer Straße einen 72 Jahre alten Radfahrer. Auch er erliegt noch am Tatort seinen Verletzungen.

Schüsse auf Traktorfahrer

Schließlich richtet er seine Waffe bei seiner Amokfahrt durch den Landkreis Ansbach noch auf einen zufällig vorbeikommenden Traktorfahrer und einen ahnungslosen Autofahrer. Beide kommen jedoch mit dem Schrecken davon. Der Landwirt wird nur von den Splittern einer Scheibe leicht verletzt, auf die der 47-Jährige geschossen hat.

Motive und Hintergründe der Tat sind auch Stunden später unklar, als der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), bei einer Pressekonferenz im Landratsamt Ansbach den Angehörigen der Opfer sein Beileid ausspricht. Eines scheint der Kripo aber schon jetzt klar zu sein: Bei dem Amoklauf des nach der Festnahme verwirrt wirkenden 47-Jährigen handelt es sich um eine völlig ungeplante Tat.

Darauf weist schon die Wahl der Tatorte hin. Der kleine Ort Tiefenthal auf einem Hügel über dem idyllischen Altmühltal ist so abgelegen, dass man ihn entweder bewusst ansteuert oder aber bei einer Spritztour zufällig auf ihn trifft. Ersteres schließt die Polizei bewusst aus. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Täter Beziehungen zu den beiden Opfern hatte." Sie hatten das tragische Pech, gerade den Weg des schießwütigen Amokläufers zu kreuzen.

In Tiefenthal selbst herrscht am Freitag Entsetzen. Absperrbänder vor der schmalen Ortseinfahrt halten ein gutes Dutzend Journalisten fern. Auch eine junge Frau aus dem Dorf, die gerade die gewundene Straße hochkommt, steht wortlos vor den Absperrungen - knapp 150 Meter von dem beigefarbenen Gehöft entfernt, wo gut zwei Stunden zuvor die 82-Jährige kaltblütig niedergeschossen wurde.

"Komplett aus der Bahn"

So ist es am Bürgermeister von Leutershausen, Siegfried Heß (CSU), den Schrecken der mehr als 5000 Bewohner der Ortschaft in Worte zu fassen. "Diese Tat wirft uns komplett aus der Bahn. Es bleibt uns nur, den Hinterbliebenen unser Beileid auszudrücken", erklärt er. Viele in Leutershausen verstünden nicht, dass in einer so friedlich Ortschaft wie Tiefenthal ein so schreckliches Verbrechen möglich ist. "Ich selbst kannte die Frau von Geburtstagsbesuchen. Im September hätte sie mit ihrem Mann Goldene Hochzeit gefeiert."
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