Frei wegen schlampiger Ermittlung

Gut ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau wurde der Frauenarzt aus Erding vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Bild: dpa
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Bayern
20.01.2015
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Im Zweifel für den Angeklagten - eine klassische Entscheidung trifft das Landgericht Landshut im Prozess gegen einen 55-Jährigen. Der Mann war angeklagt, seine Frau getötet zu haben. Doch die Beweislage war dem Gericht zu dünn, weil die Polizei geschlampt habe.

Gut ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod einer 60-jährigen Frau ist am Montag ihr Ehemann, ein Frauenarzt aus Erding, vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen worden. Nach Ansicht des Landgerichts Landshut ist nicht zweifelsfrei erwiesen, dass der Mediziner (55) im Dezember 2013 seine Frau im gemeinsamen Haus zuerst verprügelt und dann erwürgt hatte.

Zwar sei der Angeklagte nach wie vor tatverdächtig, aber auch ein anderer Täter könne nicht ausgeschlossen werden. Für eine Verurteilung hätte es handfesterer Beweise bedurft, die allerdings nicht vorlagen. Laut der Vorsitzenden Richterin unterliefen der Polizei gravierende Fehler, zum Beispiel waren Spuren unsachgemäß oder gar nicht gesichert worden.

Der Angeklagte atmete erleichtert auf, als das Urteil verkündet wurde. Danach lag er seiner Tochter minutenlang in den Armen. 410 Tage saß der renommierte Frauenarzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wollte ihn für 14 Jahre hinter Gitter sehen, die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert.

Ohne Zeugen und Geständnis

Der Prozess gestaltete sich schwierig, da es weder Tatzeugen noch ein Geständnis gab. Die Folge war ein langwieriger Indizienprozess. An der Leiche der Frau zählten die Rechtsmediziner mehr als 100 Hämatome und mehrere Rippenbrüche. Mindestens 30 Faustschläge hatte die Frau erlitten, ehe der Täter sie zehn Minuten lang würgte und schließlich erstickte.

Die Anklage hielt den Ehemann für den Täter. Das Motiv: Erbstreitigkeiten nach dem Tod der Mutter des Angeklagten sowie Konflikte zwischen dem Ehepaar wegen der Alkoholprobleme des Opfers. Der 55-Jährige sprach in seiner Aussage von einer harmonischen Ehe und beteuerte, es habe auch niemals Streit gegeben.

Skeptisch äußerte sich am Montag das Gericht: "Die Schwurgerichtskammer hat nicht Ihre Unschuld festgestellt", gab die Vorsitzende Richterin dem Mann nach 19 Verhandlungstagen mit auf den Weg. Vielmehr habe man ihm die Tat nicht nachweisen können, obwohl es Anhaltspunkte gibt. Beispielsweise wurden an seiner Brille Blutspuren der Frau gesichert. "Wir haben aber keine eindeutigen Indizien", sagte die Richterin, die in der Urteilsbegründung keinen Zweifel daran ließ, wer diesen Freispruch mit zu verantworten habe: die ermittelnden Beamten.

Viele Ermittlungspannen

Die Arbeitsweise und das Verhalten der Polizisten mache die Schwurgerichtskammer "betroffen", so die Vorsitzende, die eine Reihe von Pannen aufzählte. "In der Küche sind viele Spuren vernichtet statt gesichert worden." Auch sei die Tote noch vor der Leichenschau, aber in Anwesenheit der Beamten bewegt worden. Hinzu komme noch die schlechte Ausstattung der Beamten. Statt mit einem Quecksilber-Thermometer habe man den Todeszeitpunkt mit einem Fleischthermometer ermittelt.
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