Fünf Jahrzehnte im Gefängnis
Mittagsmörder ist frei

Im Schwurgerichtssaal 600 im Justizpalast Nürnberg, dem Ort an dem auch die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse stattfanden, musste sich der Mittagsmörder 1967 für seine Taten verantworten. Das Interesse der Medien war auch damals schon riesig. Bild: Nürnberger Nachrichten/Friedl Ulrich
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Bayern
26.02.2015
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Emmeram Daucher, an einem der Tatorte. In dieser Werkstatt eines Waffengeschäfts erschoss der Mittagsmörder zwei Menschen - die Geschäftsinhaberin und deren Sohn. Bild: Nürnberger Nachrichten⁄Friedl Ulrich
 
Chef-Ermittler Emmeram Daucher daheim in Freudenberg (Kreis Amberg-Sulzbach), als er sich längst zur Ruhe gesetzt hatte. Bild: upl

Fast ein halbes Jahrhundert saß er hinter Gittern - nun hat er das Gefängnis verlassen: Der Mann, der in den 60er-Jahren im Großraum Nürnberg mindestens fünf Menschen getötet hat, ist frei. Überführt hat ihn einst ein Kommissar aus Freudenberg.

Er hatte die Angewohnheit, immer mittags zuzuschlagen. Der Mittagsmörder versetzte in den 60er Jahren ganz Franken in Angst und Schrecken. Am Nachmittag des 1. Juni 1965 überwältigten ihn zwei Polizisten, als er in der Nürnberger Innenstadt nach einem Handtaschenraub inmitten einer Menschenmenge um sich schoss. Zwei Jahre später, 1967, verurteilte das Landgericht Nürnberg-Fürth den damals 26-Jährigen zu lebenslanger Haft. Diese Zeit hinter Gittern ist nun, nach 48 Jahren, zu Ende. Als 74-Jähriger ist der Mann aus dem Gefängnis gekommen.

Der Fall elektrisierte die Bundesrepublik und insbesondere auch die Oberpfalz. Denn eine der Tatwaffen war 1960 in Amberg gestohlen worden, Für einen der Morde, der 1962 in Neuhaus an der Pegnitz geschah, war die Kriminalpolizei Neustadt an der Waldnaab zuständig. Und der Leiter der Nürnberger Mordkommission, der dem Mittagsmörder zwei Monate nach seiner Festnahme ein umfassendes Geständnis abrang, stammte aus Freudenberg (Kreis Amberg-Sulzbach). Emmeram Daucher ging mit der Aufklärung der Mordserie in die deutsche Kriminalgeschichte ein.

Eiskalt abgedrückt

Eines der fünf Tötungsdelikte geschah in Neuhaus an der Pegnitz, das damals zum Landkreis Eschenbach gehörte. Daucher schilderte das Geschehen ausführlich in einem Buch, das er nach der Pensionierung schrieb. Es war am 30. November 1962 gegen 12 Uhr mittags, als das Unheil in der Sparkassenfiliale seinen Lauf nahm. Ein junger Mann trat an den Schalter, bat den Angestellten, einen 100-D-Mark-Schein zu wechseln. Plötzlich zog der Kerl eine Pistole aus der Jackentasche. Einer der Kunden hatte die brenzlige Situation wohl nicht bemerkt und ging auf den Schalter zu. Der Mittagsmörder drückte eiskalt ab. Die drei Schüsse, die das 58-jährige Opfer trafen, waren tödlich. Der Räuber flüchtete in einem gestohlenen Auto mit einer Beute von 5160 Mark.

Der Neuhauser Sparkassen-Angestellte hatte drei Jahre später entscheidenden Anteil daran, dass dem Verbrecher das Handwerk gelegt werden konnte. Kurz nach der Schießerei 1965 in Nürnberg identifizierte er den Mann bei einer Gegenüberstellung eindeutig als denjenigen, der die Bank überfallen und den 58-Jährigen erschossen hatte. Damit hatte Emmeram Daucher nach eigenen Schilderungen zum ersten Mal etwas gegen den Mittagsmörder in der Hand. Der gebürtige Freudenberger war dem Pistolenschützen schon länger auf der Spur. Auf Dauchers Geheiß hin hatte die Polizei bereits knapp 50.000 Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren überprüft. Ein bis dahin beispielloser Vorgang in der Frankenmetropole.



Daucher erlernte vor dem Zweiten Weltkrieg beim Freudenberger "Gartenschmied" den Beruf des Hufschmieds. Sein Aufstieg zum obersten Kriminalbeamten in Nürnberg verlief abenteuerlich. Nach Kriegseinsatz bei der Marine und englischer Gefangenschaft bewarb er sich 1946 für den Aufbau der Nürnberger Stadtpolizei. 1951, während der ersten großen Baumesse an der Noris, durfte Daucher die Fahndungsabteilung verstärken. Nach einem zweijährigen Fernlehrgang landete er beim Kommissariat 1. 1964 wurde der Oberpfälzer zum Leiter der Mordkommission ernannt, 1978 verlieh ihm der Polizeipräsident den Titel Erster Kriminalhauptkommissar. Drei Jahre später ging Daucher in Pension und zog zurück in seinen Geburtsort Freudenberg, wo er sich der Heimatforschung widmete, wo er zur Jagd ging und wo er sechs Jahre lang im Gemeinderat saß. Im Juni 2004 starb er im Alter von 82 Jahren.

Gefeiert wie ein Held

Für das Geständnis des Mittagsmörders feierten die Medien Daucher bundesweit als Helden. Der Durchbruch gelang dem Chef-Ermittler Anfang August 1965, etwa zwei Monate nach der Festnahme. Daucher hatte den dringend Tatverdächtigen so weit durchschaut, dass er auch seine weiche, verletzliche Seite kannte. Er wusste: der Todesschütze hatte ein Faible für die Natur und einen Lieblingsplatz auf der Hersbrucker Alb - den Grauen Felsen bei Stöppach (Kreis Nürnberger Land). Unter einem Vorwand ließ Daucher den Mittagsmörder dorthin bringen. Und plötzlich war das Eis gebrochen. In den folgenden Tagen sagte der Inhaftierte umfassend aus. Der damals zuständige Oberstaatsanwalt Hans Sachs - bekannt auch aus der ARD-Rateshow "Was bin ich?" - würdigte Dauchers kriminalistischen Spürsinn. "Wenn wir den Fortgang der Ermittlungen besprachen, sagte er hie und da mit dem für ihn so typischen verschmitzten Lächeln: Von dem kriege ich schon ein Geständnis. Fast immer hat er das auch geschafft, obwohl ich nie recht verstand, wie ihm das gelang."

Im Betreuten Wohnen

Zwei Jahre später eröffnete das Landgericht Nürnberg-Fürth den Prozess. Der Mittagsmörder war des fünffachen Mordes angeklagt. Das Gericht sprach ihn aufgrund der erdrückenden Beweislage und des Geständnisses schuldig und verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe. Diese dauerte fast 50 Jahre an. Alle Versuche, in Freiheit zu kommen, scheiterten. Das Risiko, dass der Mann erneut ein Verbrechen begehen könnte, schätzten Gutachter stets als zu hoch ein. Diese Beurteilung änderte sich erst 2010. Das Oberlandesgericht Nürnberg entschied, dass der Rest der Haft zum 1. März 2015 zur Bewährung ausgesetzt wird. Bei der Einstufung des Mannes als nicht mehr gefährlich spielte auch sein fortgeschrittenes Alter eine Rolle. Kaum ein anderer Häftling hat bisher so lange wie der Mittagsmörder im Gefängnis gesessen. Da der 74-Jährige keine Verwandten hat, bei denen er unterkommen kann, soll er nach seiner Entlassung in einem Männerheim untergebracht werden. Sozialarbeiter betreuen ihn dort.

Der 74-Jährige ist bereits auf sein Leben in Freiheit vorbereitet worden. Im Gefängnis bekam er von zahlreichen Neuerungen nur wenig mit. Wie mehrere Medien berichteten, unternahm der Mann aus der Justizvollzugsanstalt in Straubing heraus unter Aufsicht Ausflüge mit anderen Häftlingen - unter anderem zur Walhalla und in den Bayerischen Wald. Außerdem habe man ihm gezeigt, wie man Geld an einem Bankautomaten abhebt, was ein Smartphone ist und wie man in einem Discounter einkauft. Im Jahr 2012 schrieb der Mann in einem Leserbrief an die Hersbrucker Zeitung, er habe sich seit den Taten vollkommen geändert. Er bereue sie zutiefst. Die Opfer und ihre Angehörigen täten ihm leid.

Die Mordserie

Insgesamt legten die Ermittler dem Mittagsmörder sieben Morde, zwei Raubüberfälle, zwei versuchte Raubüberfälle und 22 andere Straftaten zur Last. Drei Dienststellen der Kriminalpolizei - in Nürnberg, Lauf und Neustadt an der Waldnaab - beschäftigten sich zwischen 1960 und 1965 mit den Taten. Erst dann gründete die Polizei eine Sonderkommission, die alle Erkenntnisse zusammentrug. In allen Fällen wollte der Täter wohl schnell an Geld kommen. Er schoss, um seine Überfälle zu vertuschen.

Mord an der Haustür

Der erste Mord geschieht am 22. April 1960 in der Nürnberger Tuchergartenstraße. Dort will der Täter eine Frau ausrauben, die er für wohlhabend hält. An der Wohnungstür öffnet deren Schwiegertochter. Es kommt es zu einem Gerangel, die Türöffnerin schreit um Hilfe. Als ein Mann (54) und eine weitere Frau (42) aus der Wohnung eilen, um zu helfen, drückt der Mörder ab. Die Schüsse sind für die beiden Helfer tödlich. Der Schütze will auch noch die Wohnungsinhaberin erschießen, doch die Waffe versagt ihren Dienst. Er flüchtet unerkannt.

Schüsse in der Sparkasse

Am 10. September 1962 überfällt der Mittagsmörder die Sparkasse in Ochenbruck (Kreis Nürnberger Land). Der Angestellte hinter dem Schalter ist allein im Raum. Als der Kassier den Alarmknopf drücken will, schießt der Täter. Zwei Kugeln durchschlagen das Herz, eine den Kopf. Der Mittagsmörder flieht mit 3060 D-Mark auf einem gestohlenen Motorrad. Etwa ein Jahr zuvor hatte er bereits die Sparkassenfiliale im benachbarten Leinburg ausgeraubt. Dabei erbeutete er 3000 D-Mark, schoss aber nicht.

Der nächste Banküberfall

Nur zehn Wochen nach dem Raubmord in Ochenbruck, heulen in Neuhaus an der Pegnitz die Alarmsirenen. Wieder will der Mittagsmörder in einer Sparkasse Beute machen. Als ein Kunde eine falsche Bewegung macht, drückt der Täter auf den Abzug. Der 58-jährige Mann verblutet im Schalterraum. Diesmal flüchtet der Gesuchte mit 5160 D-Mark in einem gestohlenen Volkswagen. Das Auto wird später am Grauen Felsen bei Stöppach gefunden. Die Sparkasse und das Landeskriminalamt setzen eine Belohnung von 4000 D-Mark aus.

Tod in der Werkstatt

Auch dieser Doppelmord wurde dem Mittagsmörder vorgeworfen: Am 29. März 1963 soll er einen Waffenladen in Nürnberg überfallen haben. Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit der Geschäftsinhaberin (57). Als sich deren 37 Jahre alter Sohn einmischt, entsteht ein Gerangel, in dessen Verlauf zuerst die Frau und dann der Sohn tödliche Schüsse erleiden. Für die Tat gibt es jedoch keine Zeugen.

Amok in der Innenstadt

Zum Verhängnis wird dem Mittagsmörder ein Handtaschenraub in der Nürnberger Innenstadt. Am 1. Juni 1965 versucht er sich zuerst im Kaufhaus Hertie, dann bei C&A Brenninkmeyer. Der zweite Raub läuft völlig aus dem Ruder. Die Bestohlene ruft um Hilfe, zwischen den Regalen bricht Tumult aus. Einen Mann, der den Flüchtenden festhalten will, treffen zwei Projektile. Er überlebt durch viel Glück. Der Hausmeister des Kaufhauses hingegen stirbt an fünf Schüssen in die Brust. Draußen auf dem Gehsteig wird ein weiterer Mann lebensgefährlich verletzt. Einem Passanten und zwei Beamten der Schutzpolizei gelingt es schließlich, den Täter zu überwältigen. Der Mittagsmörder sitzt in Untersuchungshaft.
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