Gottesdienst und Komplet auch für diejenigen, die nicht in die Kirche gehen
Fürbitten bei Twitter: Kirchen treiben Online-Angebote an

Weil immer wenige Menschen den Gottesdienst vor Ort besuchen, experimentieren die Kirchen mit Angeboten im Internet und in den sozialen Netzwerken. (Bild: dpa)
Archiv
Bayern
22.10.2014
8
0

Weil den Gottesdienst vor Ort immer weniger Menschen besuchen, versuchen die Kirchen in Bayern mit Angeboten im Netz ein jüngeres Publikum zu erreichen. Viele Versuche stecken aber noch in den Kinderschuhen.

Videos per Beamer, eine Twitter-Wall in der Kapelle und die Beteiligung der Internet-Gemeinde via Facebook: So soll er aussehen, der Social-Media-Gottesdienst in Balderschwang im Allgäu. «Wir verwenden alles, was technisch möglich ist», erzählt Michael Hertl von der Katholischen Fernseharbeit. Anfang Februar soll es soweit sein, es wäre dann der dritte Internet-Gottesdienst.

"Müssen dahin gehen, wo die Leute sind"

Rund 30 Gläubige feiern in der Kapelle vor Ort, alle anderen können sich den Live-Stream im Internet anschauen und über die sozialen Medien mitmachen - etwa die Predigt kommentieren oder Fürbitten einbringen. "Wir müssen dahin gehen, wo die Leute sind - und die sind immer weniger in der Kirche und immer mehr im Internet", sagt Hertl.

Der Live-Stream des ersten Social-Media-Gottesdiensts vor zwei Jahren verzeichnete parallel zeitweise mehr als 6000 Abrufe. Hertl ist überzeugt: "Es muss eine Liturgie für Internet-Affine geben."

Das dachte man sich vor zwei Jahren auch in Köln. 2012 wurde aus der Kapelle des Kölner Maternushauses erstmals per Video-Live-Stream ein Wortgottesdienst der katholischen Kirche auf Facebook übertragen. Die Teilnehmer sollten nicht nur mitbeten, sondern auch posten und sich aktiv am Gottesdienst beteiligen. „Der Heilige Geist weht auch im Internet", sagte Pfarrer Dietmar Heeg von der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt, der durch diese Andacht führte. „Warum sollte sich Gemeinde nicht auch online bilden?"


Viele Kirchengemeinden trauen sich nicht

Pfarrer Christoph Breit sieht das ähnlich. Er leitet die Projektstelle Social Media bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern (Website: www.bayern-evangelisch.de). Eine Stelle, die eigens geschaffen wurde, um der Kirche im Netz auf die Füße zu helfen. "Gottesdienst gibt's nur, wenn du in die Kirche kommst - davon müssen wir wegkommen", sagt Breit. Der Pfarrer bloggt sogar selbst zum Thema Kirche und Internet (Link zum Blog).

Einen richtigen Internet-Gottesdienst gibt es bei der evangelischen Kirche im Freistaat aber noch nicht. «Es ist schade, dass sich viele Kirchengemeinden nicht trauen, die Möglichkeiten der sozialen Medien auszuprobieren», findet Breit. Denn ein Online-Gottesdienst bedeutet für ihn auch, die Leute online aktiv einzubinden: "Einfach den Gottesdienst als Live-Stream ins Internet stellen, damit mehr Leute zuschauen - so funktioniert das nicht."

Gottesdienst im Live-Stream

Diese passive Form der Internetnutzung - der Live-Stream eines ohnehin stattfindenden Gottesdienstes - wird bereits häufiger genutzt. Im Bistum München wird jeden Sonntag die Messe mit Kardinal Reinhard Marx live im Internet übertragen Infos zu den Live-Übertragungen auf der Website des Bistums.

"Das ist eine andere Möglichkeit an Publikum zu kommen", heißt es aus der Pressestelle des Bistums. Gerade für Alte, Kranke und weit entfernt wohnende Menschen sei ein solches Angebot wichtig.

Gemeinde vor Ort besser einbinden

Auch Gottesdienste wie der Social-Media-Gottesdienst in Balderschwang, die speziell fürs Internet veranstaltet werden, kommen nicht ohne Teilnehmer vor Ort aus. "Ohne die feiernde Gemeinde in der Kapelle funktioniert das nicht", sagt Hertl. Bei den vergangenen Social-Media-Gottesdiensten sei das Verhältnis von anwesender und feiernder Gemeinde noch nicht klar gewesen. "Wir müssen die Gemeinde vor Ort besser einbinden, sonst sieht das albern aus", meint Hertl.

Genau aus diesem Grund stößt der interaktive Gottesdienst beim Leiter des Liturgischen Instituts in Trier auf Kritik. "Gottesdienst lebt von der Gemeinde, die sich in einem Raum versammelt", sagt Eberhard Amon. Das könne man nicht übers Netz kommunizieren.

"Twomplet" - tägliches Nachtgebet auf Twitter

Dabei muss es nicht gleich ein interaktiver Gottesdienst sein, der gläubige Menschen im Netz anspricht. So treffen sich auf Twitter jeden Abend um 21 Uhr zahlreiche Nutzer zum gemeinsamen Gebet.

Unter dem Schlagwort "Twomplet" - einem Kunstwort aus Twitter und dem Nachtgebet Komplet - schreiben sie Gebete als Kurznachrichten wie diese: "Herr, wir bitten Dich, beschütze Deine Kirche und gib uns Bekennermut."