Graben in der Buttercremetorte

Archäologen arbeiten täglich auf dem Ausgrabungsgelände nahe des Hauptmarktes in Nürnberg. Ihre Funde legen nahe, dass die Stadt viel älter ist als bislang vermutet. Bilder: dpa
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Bayern
15.09.2015
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Nürnbergs Geschichte muss umgeschrieben werden. Denn neue archäologische Funde legen nahe, dass die zweitgrößte Stadt Bayerns viel älter ist als bislang vermutet. Und die Forscher graben noch weiter.

Sie ist klein, grau-schwarz und mit einer Wellenlinie verziert: Was für den Laien wie eine gewöhnliches Stück Keramik aussieht, hat bei Archäologen in Nürnberg für eine handfeste Sensation gesorgt. Wegen der kleinen Tonscherbe musste die Geschichte der Frankenmetropole quasi über Nacht um rund 100 Jahre zurückdatiert werden. Die Scherbe stammt aus der Zeit zwischen 850 und 880 nach Christus, wie der Stadtarchäologe John Zeitler sagt. Bislang gingen die Experten davon aus, dass die Stadt erst um 980 entstand. Und vielleicht ist sie sogar noch älter.

Graben noch bis Januar

Gefunden wurde die Tonscherbe in einer Baugrube mitten in der Innenstadt - wenige Meter vom Hauptmarkt entfernt. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) will dort ihr neues "Haus der Wirtschaft" errichten. Doch das wird noch ein bisschen dauern. Denn die Archäologen graben dort noch bis Ende Januar. Sie wollen noch etwa einen Meter tiefer kommen. Was sie dort noch finden, weiß niemand. "Wir könnten noch bis in die Zeit um etwa 800 zurückkommen", sagt Zeitler.

Bisherige Funde legten nahe, dass die Besiedlung Nürnbergs Ende des 10. Jahrhunderts begann. Etwas nördlich der aktuellen Grabungsstelle am Hang der Kaiserburg fand man Spuren einer Siedlung. "Doch jetzt müssen wir diesen Beginn um gut 100 Jahre zurückverlegen, vielleicht sogar um 150 Jahre - das werden die weiteren Grabungen im Spätherbst ergeben", sagt Zeitler. Was die Experten fünf Meter unterhalb der heutigen Straße gefunden haben, ist eine ganze Siedlung: Sie hatte wohl die Form einer Ellipse und war etwa 100 Meter breit und rund 150 Meter lang. Die Archäologen wollen einen Ausschnitt davon freilegen. Dazu gab es viele Ziegenställe. "Das war ein idyllisches Dorf am Rand des Pegnitztals, das sich hier vor 1150 bis 1200 Jahren erstreckt hat."

Unterschiedliche Vorlieben

Die Siedler seien Slawen gewesen, die von Nordosten ins Pegnitz- und Rednitzgebiet eingewandert seien, sagt Zeitler. Sie hätten eine Vorliebe für flussnahe Siedlungen gehabt. Die Franken dagegen bauten lieber in den höheren Regionen, in denen es kein Hochwasser gab. "Diese unterschiedlichen Siedlungsgewohnheiten sehen wir an der Keramik, die wir hier gefunden haben." Im Laufe der nächsten 150 Jahre hätten sich Slawen und Franken dann vermischt.

Im Moment müssen sich die Forscher ein wenig in Geduld üben. Derzeit werden die jüngeren Schichten abgetragen. "Das 14. Jahrhundert ist jetzt weitgehend weg , und jetzt arbeiten sich die Kollegen gerade durch das 13. und 12. Jahrhundert durch", sagt Zeitler. "Das ist wie eine Buttercremetorte mit vielen Schichten: So wie der Konditor eine Schicht über die andere legt, so liegt hier durch die Bautätigkeit der Bevölkerung eine Schicht über der anderen." 20- bis 25-mal sei übereinandergebaut worden.

Für den Bauherrn sind die Grabungen eine teure Angelegenheit, die IHK muss die Kosten alleine tragen. Zeitler geht davon aus, dass es am Ende etwa eine Million Euro sein werden. Wie Markus Lötzsch, der Hauptgeschäftsführer der IHK sagt, verzögert sich der für 2017 vorgesehene Umzug zurück an den Hauptmarkt nun bis ins Jahr 2018.
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