Kirchweih vor Gericht

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Bayern
30.03.2015
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Einmal im Jahr wollen die Bürger von Kahl am Main feste feiern, tanzen und Autoscooter fahren. Doch daraus wird heuer nichts. Die Kirchweih ist zu laut, findet ein Anwohnerpaar - und hat erfolgreich vor Gericht geklagt. Die Gemeinde will nun die hohe Politik bemühen.

Ob die Gemeinde Kahl am Main 2015 so wie in den vergangenen 100 Jahren zuvor eine Kirchweih feiern kann, steht derzeit in den Sternen. "Im Moment müssen wir davon ausgehen, dass die Kerb 2015 nicht stattfindet", sagte der Geschäftsleiter der Gemeinde, Andreas Oberle.

Grund dafür ist die Klage eines Ehepaars, das direkt am Platz vor der Festhalle wohnt. Die Anwohner zogen wegen der ihrer Meinung nach enormen Lärmbelästigung an den drei Tagen vor das Würzburger Verwaltungsgericht. Das Gericht gab dem Paar recht, die "Kahler Kerb" steht deshalb nun vor dem Aus.

Freiheitsstrafe droht

"Das Gericht hat uns Lärmwerte auferlegt, die sehr leicht überschritten werden können. Selbst das Murmeln von 100 Leuten kommt schon über diese 55 Dezibel", sagte Oberle weiter. Diesen Wert dürfe die Veranstaltung nach 22 Uhr nicht überschreiten. Ansonsten habe der Anwalt der beiden Anwohner ein zivilrechtliches Verfahren angedroht. Im Falle einer Verurteilung drohe dann ein Bußgeld von bis zu 250 000 Euro oder eine Freiheitsstrafe.

Und genau dieses Bußgeld ist der Knackpunkt. Ausrichter der Kerb in dem 7400-Einwohner-Ort in Unterfranken (Kreis Aschaffenburg) war bislang eine Vereinsgemeinschaft. Der Vorsitzende, Sven Uhlig, ist nicht bereit, das Risiko einer hohen Geld- oder gar Gefängnisstrafe einzugehen. "Wir haben an allen Stellschrauben gedreht. Wir können nicht noch leiser", sagte der 38-Jährige. Und ein Umzug an einen anderen Ort sei aus logistischen Gründen schwierig. "Außerdem verlagert es doch nur das Problem", sagte Uhlig weiter. Der Bayerische Gemeindetag sieht einen Anstieg ähnlicher Klagen und Auseinandersetzungen im Freistaat. "Wir haben keine Übersicht, wie viele Gemeinden davon betroffen sind, aber wir können den Trend schon erkennen", sagte Sprecher Wilfried Schober. Die Gesellschaft habe sich gewandelt. "Die Leute nehmen es nicht mehr so wie früher hin oder feiern einfach mit. Stattdessen pochen sie auf ihr Recht und sagen: Da gibt es eine Vorschrift und die muss eingehalten werden."

Das sei schade, weil damit auch eine gewisse Kultur verloren gehe. Außerdem gehe den Vereinen wie der Feuerwehr oder dem Musikverein damit wichtiges Geld verloren und es könnten Angebote ausfallen, sagte Uhlig. "Das zieht schon ziemlich weite Kreise."

Mediation abgelehnt

Die Vereine und die Gemeinde würden gern mit den Klägern reden und einen Kompromiss finden, doch die haben eine vom Richter vorgeschlagene Mediation abgelehnt. Den Medien gegenüber will das Paar mit Verweis auf ein noch offenes Gerichtsverfahren in dieser Sache keine weiteren Kommentare abgeben.

Die Gemeinde soll nun die Landespolitiker um Hilfe bitten. "Wir haben die Forderung an die große Politik, dass die Lärmrichtlinien für solche traditionsreichen Veranstaltungen geändert werden", sagte Oberle. Außerdem seien eine Petition sowie eine Demonstration geplant.
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