Kleiner Heimatminister

Heimat verortet Albert Füracker immer auch gerne auf Landkarten. Dort zeigt er, wo bereits W-Lan-Hotspots freigeschaltet wurden. "Hier sitzen mittags ein Haufen Leute vorm Haus, die das nutzen", witzelt er. "Ich dachte früher, die wollen dem Staatssekretär zujubeln." Bis alle Gemeinden 2020 diesen Plan umgesetzt haben, ist noch genug Zeit für Applaus. Bild: Herda
Archiv
Bayern
20.10.2015
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Er könnte sein Geld auch als Gästeführer verdienen, sagt Albert Füracker - so oft wie er Besucher durchs Heimatministerium führt. Der Staatssekretär überragt als CSU-Bezirksvorsitzender schon jetzt viele. Außer einem: "Ich bin Staatssekretär, quasi der kleine Minister", scherzt er mit einer Schülergruppe, "ich bin ja um vier Zentimeter kleiner als Markus Söder".

Der 1,90-Meter Mann eilt gut gelaunt durch die Gänge der ehemaligen bayerischen Staatsbank. Wenn er auf Gäste trifft, rückt er sein Sakko zurecht, setzt ein strahlendes Lächeln auf und steht mit raumgreifender Stimme sofort im Mittelpunkt. Der Landwirt aus Lupburg (Landkreis Neumarkt) ist mit dem Amt gewachsen. Zupackend war der hemdsärmelige Kommunalpolitiker, der mit Familie auf dem elterlichen Bauernhof in Degerndorf bei Parsberg lebt, schon immer. Aber mit gewonnenem Einfluss hat er an Geschmeidigkeit gewonnen. Die Nürnberger Schüler jedenfalls finden den Oberpfälzer amüsant.

"Der Minister hat gesagt, er will den Club hier empfangen, wenn er Meister wird", erläutert der Bayern-Fan die Funktion eines Balkons. "Ich habe gesagt, ,Markus wir haben das Gebäude nur für 15 Jahre gemietet'." Gelächter. Es ist fast so was wie ein Neugirg-Effekt: Mögen es die Franken, von Oberpfälzern auf den Arm genommen zu werden?

Mit seinem Chef verbindet ihn eine Männerfreundschaft seit JU-Zeiten. Da gehört frotzeln zum guten Ton. Dass Füracker für diesen Karriereschritt mit Söder in eine Baustelle zog, ist eine Aufgabe ganz nach seinem Geschmack: "Wir haben im November 2013 den Mietvertrag unterschrieben und konnten zunächst nur das Erdgeschoss beziehen." Noch immer wird gearbeitet in der Bankgasse 9. "Kalt heute?", fragt er im Vorbeigehen einen Bauarbeiter, der sich die Hände reibt. "Fest zupacken, dann wird's gleich wärmer." Anders als im Münchener Ministerialmoloch lässt sich hier noch vieles gestalten.

Weg von München

"Dass wir erstmals seit Montgelas Regierungshandeln außerhalb der Landeshauptstadt haben, wertet den nordbayerischen Raum auf", freut sich Füracker über seinen Dienstsitz. "Wir wollen mehr Dezentralismus - es muss nicht alles in München entschieden werden." Von Nordbayern aus möchte das Heimatministerium seinen Verfassungsauftrag erfüllen: "Gleiche Lebensbedingungen in allen Bezirken, ein Bayern der zwei Geschwindigkeiten verhindern."

Bis Ende des Jahres sollen in Sep Rufs legendärem Nachkriegsbau gegenüber der Lorenzkirche 100 Mitarbeiter den Begriff Heimat mit Kompetenzen füllen. Der CSU-Politiker ist stolz darauf, dass "uns gleich zu Anfang eine Meisterleistung der Vereinfachung" gelang: "Es gab auch vor uns ein Breitband-Konzept, für das es 500 Millionen Euro gegeben hätte - aber die Resonanz war gering, weil es zu kompliziert war", erinnert er an das Scheitern von FDP-Wirtschaftsminister Martin Zeil. "Wir haben mit vielen Bürgermeistern und Landräten gesprochen, die Richtlinie neu organisiert und bei der EU in Rekordzeit durchgebracht. Die Bürokratie haben wir dabei halbiert."

Organisieren, entbürokratisieren, vereinfachen - beim Eildurchlauf durch die Architektur, in der die bayerische Heimat auf Vordermann gebracht werden soll, merkt man schnell: Das hier ist kein Ort der Folklore. "Bei uns wird Heimat aus technischer Sicht geplant", sagt Füracker. "Die emotionalen Fragen, die viele mit Heimat verbinden, wie Trachten, Musik oder Vereine, finden woanders statt." Zum Beispiel in Deusmauer, Gemeinde Velburg, wo man gerade eine Genossenschaft für einen Dorfladen gegründet hat. "Das funktioniert, weil jeder beteiligt ist", sagt der Staatssekretär. Er beobachte eine Trendwende: "Die letzten 30 Jahre ging es vor allem darum, billig einkaufen." Da habe jeder in Kauf genommen, fünf Kilometer zum nächsten Supermarkt zu fahren. "Jetzt spielen plötzlich Themen wie regionale Wertschöpfung, kurze Wege, Qualität und frische Ware wieder eine Rolle."

Neuer Dorfladen

So stellt sich Füracker Heimat vor: Bürger, die ihr Leben vor Ort selbst in die Hand nehmen. Und ein unbürokratischer Staat, der Hilfestellungen anbietet: "Das geht schon los, wenn eine unserer 153 freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Neumarkt ein neues Feuerwehrhaus bauen", sagt er amüsiert. "Bei der Einweihung bedankt sich der Kommandant für die Fördermittel und sagt dann voller Stolz: ,Aber gebaut haben wir's selber - mit 7000 freiwilligen Arbeitsstunden'." So läuft das auch im neuen Dorfladen: "Das alte Schulhaus wurde mit Städtebaufördermittel saniert, und dann sind der Metzger, der Bäcker und ein Laden eingezogen."

"Der Stolz auf die Heimat erlebt eine Renaissance", sagt er zufrieden grinsend, während er aus dem Tresorraum der alten Bank lugt. Eine Heimatliebe freilich, die wie in Parsberg keinen ausschließt: "Dort lebten schon vor der Flüchtlingsbewegung 70 Nationen." Sogar eine Moschee gebe es - kein Integrationshindernis: "Der Verein Türkspor aus Freystadt marschiert dort natürlich zum Volksfest mit."

Kirwa-Trend und Zoiglbegeisterung seien positive Gegenentwürfe zu Landflucht und Wirtshaussterben. Solche Schätze sollen im Heimatministerium nicht nur sicher verwahrt werden. Weil Füracker kein Romantiker ist, setzt er darauf, dass die Wirtschaft dem guten Beispiel der Behördenverlagerung folgt: "Man stelle sich vor, was für ein Aufschlag das wäre, wenn einer der bayerischen Weltkonzerne nach Weiden ginge."
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