Kopf-Gewitter im Anflug

Etwa 7 bis 10 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen leiden regelmäßig unter Migräne. Bild: dpa
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Bayern
12.09.2015
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Kopfschmerzen nerven. Für viele Migräne-Patienten bedeuten sie sogar eine lebenslange Einschränkung. Kann auch das Wetter die qualvollen Attacken auslösen?

Lucia Gnant weiß es oft schon Stunden vorher: Ein Gewitter ist im Anzug. Oder das Wetter schlägt um. Sie spürt das im Gehirn. "Ich habe dann in meinem Kopf eine bestimmte Situation", sagt die Vorsitzende der Migräne-Liga im Vorfeld des Europäischen Kopfschmerz- und Migränetages an diesem Samstag. Diese Situation eskaliert dann zum fast unerträglichen Schmerz. "Wissenschaftlich erwiesen ist es nicht. Aber wenn Sie mit Patienten reden, wird jeder sagen, wenn das Wetter wechselt: In meinem Kopf braut sich etwas zusammen."

Unterschätztes Leiden

Etwa 7 bis 10 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen leiden unter dem pulsierenden Kopfschmerz. Manche können dann nur im abgedunkelten Zimmer liegen und warten, bis es vorbei geht. Migräne, oft unterschätzt und als einfaches Kopfweh abgetan, zählt zu den schlimmsten Schmerzzuständen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt sie zu den 20 Leiden, die das Leben am stärksten einschränken.

Mediziner gehen davon aus, dass die Veranlagung weitgehend erblich bedingt ist. "Was das Migränehirn vom normalen Hirn unterscheidet, ist die Schwierigkeit, abzuschalten", sagt Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein (Sachsen). "Sie sind wie ein Hund, der immer ein Ohr aufgestellt hat - Sie kriegen viel mehr mit." Damit komme das Gehirn schneller an die Belastungsgrenze. Auf bestimmte Reize werden Botenstoffe ausgeschüttet, es gebe elektrische Reize. "Die bringen eine Kaskade von Schmerz, Veränderung an den Gefäßen und entzündungsähnliche Prozesse in Gang." Das Gehirn von Betroffenen reagiert sensibel auf Wechsel: bei der Ernährung, im Flüssigkeitshaushalt des Körpers, im Schlaf- und Wach-Rhythmus. Beispiel "Wochenendmigräne": Gerade wenn die Patienten ausschlafen wollten, holten sie Anfälle ein, sagt die Münchner Ärztin Stefanie Förderreuther. Den Umgang mit der Krankheit lernen könne bedeuten, sich auch am Wochenende den Wecker zu stellen - und dann nochmals weiterzuschlafen. "Migräne mag es sehr gleichmäßig." Die Migräne-Liga hat auf ihrer Seite einen Link "Migränewetter". "Menschen mit chronischer Krankheit sind für bestimmte Wetterlagen empfindsam", sagt der Biologe Holger Westermann von der "Menschenwetter"-Redaktion, die Vorhersagen für Krankheiten bereitstellt. Für den einen ist es Hitze, für den anderen Feuchtigkeit oder Kälte.

Einfluss durch Hitze/Kälte

Wissenschaftler der Hochschule Hof untersuchen mit der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein und der Universität Rostock seit 2011 anhand von Online-Patientenmeldungen Faktoren, die Migräne auslösen können. Der Abgleich von 20 000 Kopfschmerzattacken ergab: "Wenn sich die Temperatur um fünf Grad ändert, haben wir 20 Prozent mehr Anfälle." Die Ergebnisse seien jedoch noch unsicher und statistisch nicht sehr signifikant, betont Projektleiter Jörg Scheidt. Chefarzt Gaul empfiehlt "Ausdauersport und Entspannungsverfahren, damit Sie gegenüber diesen äußeren Einflüssen weniger empfindlich werden".

Auch Lucia Gnant hat ihr Leben umgestellt. Die 65-Jährige leidet an Migräne mit "Aura", eine Phase vor dem Kopfschmerz: "Ich bekomme Ausfallerscheinungen in der Sprache, die Zeilen verschwimmen, ich kann nicht richtig greifen." Regelmäßiger Tagesablauf, bewusste Ernährung und Befreiung von unnötigem Ballast zählen zu ihren Rezepten. Vor fünf Jahren war ihr letzter Anfall. "Es gibt den Weg aus der Migräne. Aber der Betroffene muss es im Wesentlichen selbst machen", sagt Gnant.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.dmkg.de, www.migraeneliga.de
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