Mit Gehirn-GPS zum Nobelpreis

Der Nobelpreis für Medizin geht an die Norweger Edvard und May-Britt Moser und den US-Amerikaner John O"Keefe (von links). Das teilte das Karolinska-Institut in Stockholm mit. Bilder: Christian Charisius/dpa/David Bishop/University College London
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Bayern
07.10.2014
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Jeans, Turnschuhe, grauer Pulli, bunte Tasche - Edvard Moser kommt lässig daher. Bei seinem Besuch in Bayern kann er sein Glück kaum fassen: Er ist jetzt Nobelpreisträger.

Als Edvard Moser in München aus dem Flugzeug steigt, hat er 150 neue E-Mails und 75 SMS auf seinem Handy. Ihm schwant: "Etwas Wichtiges ist passiert." Was das ist, dämmert ihm erst, als er sieht, dass auch der Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees versucht hat, ihn zu erreichen. "Als ich aus dem Flugzeug kam, wusste ich nicht einmal, dass heute der Tag ist, an dem der Nobelpreis bekanntgegeben wird."

Auf dem Weg zum Max-Planck-Institut für Neurobiologie nach Martinsried bei München, wo Moser einen lange geplanten Forschungsaufenthalt antreten will, versucht er dreimal, seine Frau May-Britt anzurufen. Erst beim vierten Mal ruft sie zurück. "Das war ein sehr glücklicher Moment." Gemeinsam mit ihr und dem Forscher John O'Keefe (USA/Großbritannien) bekommt Moser den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung eines Navis im Hirn. Das System liefert mentale Landkarten zur Orientierung im Raum. Wie genau das passiert, haben John O'Keefe sowie May-Britt und Edvard Moser entschlüsselt - und erhalten dafür die begehrte Auszeichnung.

Etwas ungläubig lächelt Moser über die Fotografen und Kamerateams, die auf ihn warten. "Dass dies so ein Tag werden würde, das hätte ich heute Morgen nicht gedacht." Moser erklärt dann, was das Besondere ist an seinen Entdeckungen. Alzheimer-Patienten könnten sie irgendwann einmal helfen. Schließlich sei der Orientierungssinn oft das Erste, das die tückische Krankheit den Patienten nehme. "Da gibt es eine klare Verbindung", sagt er.

Frauen mit gleichem "Navi"

Im Navigationssystem männlicher und weiblicher Gehirne gebe es im Übrigen keinen grundlegenden Unterschied, sagt er auf die Frage, auf die er gewartet hat. "Das muss eher mit sozialen Erwartungen zusammenhängen. Vielleicht lernen Jungs eher, darauf zu vertrauen, dass sie den richtigen Weg finden."

Die Entdeckung sei "von ziemlich großem Nutzen", lobt Juleen Zierath, die Vorsitzende des Nobel-Komitees. Aufbauend auf den Erkenntnissen könnte sich der eingeschränkte Orientierungssinn von Alzheimer-Patienten künftig verbessern lassen, hoffen Forscher. "Aber da sind wir noch nicht. Das wird noch Zeit brauchen", sagt Göran Hansson, Sekretär des Stockholmer Komitees. Auch für andere neurologische Krankheiten sind die Ergebnisse bedeutsam.

Pionier auf dem Gebiet war John O'Keefe, der 1971 im Hippocampus von Ratten sogenannte Ortszellen entdeckte. "Das Gehirn einer Ratte ist etwa so groß wie eine Weintraube, und der Hippocampus ist kleiner als ein Weintraubenkern", wird Moser zitiert. Auch beim Menschen wurden solche Zellen nachgewiesen. Die Mosers hatten sich Anfang der 80er an der Universität Oslo kennengelernt und seither gemeinsam geforscht.

Seine Forschung sei wichtig, sagt Moser bescheiden, aber das seien andere auch. Gerechnet habe er mit dem Nobelpreis darum eben so wenig wie seine Frau, die die Auszeichnung mit einem Freudentanz auf dem Flur ihres Instituts in Trondheim feierte.
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