Netzausbau: Die Thesen Horst Seehofers und die Antworten von Tennet-Manager Lex Hartman
Wechselwirkung zweier Pole

Vor rund eineinhalb Jahren war die Stimmung noch gut zwischen Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU, links) und Lex Hartman, Vorsitzender des Aufsichtsrats des Netzbetreibers Tennet. Nun sind sie sich uneins über den Bau von neuen Stromtrassen. Archivbild: dpa
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Bayern
15.10.2014
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Der Stromnetzbetreiber Tennet geht im Trassenstreit auf Konfrontationskurs zu Ministerpräsident Horst Seehofer. Dessen Überlegungen für eine Alternative zum Bau neuer Stromtrassen hätten für Wirtschaft und private Stromverbraucher negative Konsequenzen, mahnt das Unternehmen. Im Folgenden dokumentieren wir Seehofers Thesen und die Erklärungen des Tennet-Managers Lex Hartman dazu:

Seehofer sagt: "Die Notwendigkeit neuer Stromtrassen ist nicht zweifelsfrei belegt."

Hartman verweist auf das Gesetz zum Netzausbauplan, das auf den für die Energiewende nötigen Umstellungen bei Stromerzeugung und -transport basiert. Aufgrund der vorgesehenen Abschaltung aller Atomkraftwerke in Bayern bei gleichzeitig massivem Ausbau der Windstromerzeugung in Norddeutschland müsse künftig mehr Strom von Nord nach Süd transportiert werden. Dazu brauche es die neuen Trassen. Kämen diese nicht, könne der über das EEG subventionierte Windstrom nicht in die Verbrauchszentren im Süden abtransportiert werden, sondern müsse "nach Polen oder Holland verschenkt werden".

Seehofer sagt: "Wir müssen prüfen, ob nicht auch eine oder zwei neue Trassen ausreichen."

Unter der Voraussetzung, dass die Energiewende wie geplant umgesetzt wird, hält Hartman die Bündelung von Trassen für eine Milchmädchenrechnung. Wenn eine Trasse nicht gebaut werde, bedeute dies, dass eben woanders eine gebaut werden müsse. Im Regelfall seien das dann "suboptimale Lösungen", die mit Mehrkosten verbunden seien. Im Übrigen gingen alle Szenarien von der Notwendigkeit dreier Trassen aus.

Seehofer sagt: "Die Versorgungssicherheit in Bayern kann durch ein oder zwei moderne Gaskraftwerke gewährleistet werden."

Technisch wäre das machbar, erklärt Hartman . Allerdings wäre das dann richtig teuer, da Gaskraftwerke unter den Bedingungen der Energiewende nur mit hohen Subventionen rentabel seien. Damit gebe es subventionierten Windstrom im Norden, der mangels Trassen nicht verbraucht werden könne, und zusätzlich subventionierten Gasstrom im Süden. Bezahlen müsse beides der Verbraucher.

Seehofer sagt: "Zwei Strompreiszonen in Deutschland sind Quatsch."

Für Hartman wären unterschiedliche Strompreise in Deutschland die logische Konsequenz von Seehofers Energiepolitik. In Norddeutschland gäbe es dann Strom im Überfluss, der billig an die Verbraucher abgegeben werden könnte, im Süden dagegen teuren Strom aus Gasturbinen. Wenn es keinen Ausgleich über die Trassen gebe, werde der Markt den Preis als Steuerungsinstrument nutzen. Mit Folgen für Privatkunden und Industrie. Aus BMW könnten so die "Bremer Motorenwerke" werden, warnte Hartman vor einem Wegzug großer Industriebetriebe aus Bayern.

Seehofer sagt weiter: "Nach Mitteilung der Bundesnetzagentur sind die Abschaltungen der Kernkraftwerke Grafenrheinfeld und Gundremmingen B ohne Netzabbau beherrschbar."

Stimmt, sagt Hartman , aber das gelingt nur durch Notmaßnahmen, mit denen das Netz stabil gehalten wird. Diese ließen sich aber nur ein oder zwei Jahre durchhalten. Wegen des ständigen Zubaus der Schwankungen unterliegenden erneuerbaren Energien werden die netzstabilisierenden Maßnahmen irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Eine die Versorgungssicherheit gefährdende Überlastung der Netze wäre die Folge. Abhilfe könnten nur neue Trassen schaffen.

Seehofer sagt: "Eine Entscheidung über den Trassenausbau eilt nicht, weil es dabei um die Stromversorgung ab 2022 geht."

"Uns läuft die Zeit davon", kontert Hartman . Von der ersten Planung bis zur Fertigstellung einer neuen Stromtrasse dauere es rund zehn Jahre. Dass seit dem Beschluss über den Netzausbau schon drei Jahre über ein eigentlich fertiges Konzept diskutiert werde, mache ihm Sorgen. An dem von Seehofer nun bis Januar angekündigten Dialogprozess mit der Bevölkerung will sich Tennet trotzdem beteiligen. Mit bislang schon 550 Bürgerveranstaltungen in diesem Jahr sei Tennet ohnehin "Weltmeister im Dialog". Hartmans Appell an die Politik: "Kommt im Januar zu einer Entscheidung und steht dann auch dazu." Wenn die Politik als Auftraggeber des Netzausbaus entscheide, dass es keine neuen Trassen geben werde, dann würden die Betreiber auch nicht bauen. "Man muss sich dann aber der Risiken und Konsequenzen bewusst sein", so Hartman.
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