Pendolino fährt nach 22 Jahren zum letzten Mal
Trauer-Zug

Zum letzten Mal zurück ins Werk. Mit einer Sonderfahrt verabschiedete sich der Pendolino nach 22 Jahren aus dem aktiven Bahndienst. Auf die Front des Zuges hatten Bahnmitarbeiter ein schwarz umrandetes Schild "Letzte Fahrt ,Pendolino"" geklebt. Bilder: Alexander Rädle (3)
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Bayern
17.12.2014
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Die letzten Kilometer nahm der Triebwagen spielend. Nach umgerechnet mehr als 130 Touren zum Mond und zurück. Vor der Fahrt nach Nirgendwo ließ die Deutsche Bahn den Pendolino noch einmal auf seiner Paradestrecke brillieren.

Dienstag, kurz nach 9 Uhr. Sauber herausgeputzt ist der Pendolino. Zum vorletzten Mal bekommt er richtig Auslauf, der Triebwagen 610 019 der Deutschen Bahn. Der Volksmund hat diese Baureihe "Pendolino" getauft. Vor 22 Jahren, im Mai 1992, feierte der Zug Premiere auf deutschen Schienen. Einer der damals schon dabei war, ist der Lokführer des Abschiedssonderzuges von Hof über Pegnitz nach Nürnberg und zurück: Jürgen Büttner (48). Er lässt den Pendolino nach Nürnberg fliegen - mit 160 Kilometern pro Stunde.

100 Millionen Kilometer haben die 20 Fahrzeuge dieser Baureihe zurückgelegt, so Bahn-Pressesprecher Anton Knapp. Die letzten 334 Kilometer schafft der Pendolino mit Leichtigkeit. Kurz nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof Pegnitz neigt sich der Triebwagen geschmeidig in die Kurve - bis zu 8,6 Grad. Die dieselelektrischen Motoren unter dem Fahrgastraum surren.

Landschaft tritt zur Seite

Kurzer Aufenthalt in Neuhaus an der Pegnitz: Regional-Express 3778 nach Nürnberg hat als fahrplanmäßiger Zug Vorrang. Kaum hat der Fahrdienstleiter "Freie Fahrt" erteilt, beschleunigt Büttner. Mit vergleichsweise gemütlichen 120 Kilometern pro Stunde geht es durch das wildromantische Pegnitztal. Brücke reiht sich dort an Tunnel. Und alle paar Sekunden legt er sich wieder in eine Kurve - sportlich wie ein Motorradfahrer. Für Fahrgäste sieht das aus, als würde die Landschaft seitlich neben dem Zug wegbrechen. 120 bis 140 Kilometer pro Stunde - viel schneller durften und dürfen "normale" Züge auf den kurvenreichen Strecken Nordostbayerns nicht fahren.

Ende der 1980er Jahre verlor die damalige Deutsche Bundesbahn in dieser Region deshalb immer mehr Fahrgäste. Ein Ausbau oder eine Elektrifizierung kam aber aus Kostengründen nicht in Frage. In der Folge suchte die Bahn andere Wege, wie sich die Fahrzeiten von Nürnberg nach Bayreuth und Hof verkürzen ließen. Die Lösung kam aus Italien. Fiat hatte eine Neigetechnik entwickelt, bei der sich Züge wie Motorradfahrer in die Kurve legen. Dadurch können Züge Kurven bis zu 30 Prozent schneller durchfahren. Die Fahrzeit zwischen Bayreuth und Nürnberg schrumpfte ab 31. Mai 1992 von 80 auf 60 Minuten. Büttner war dabei, als die ersten Garnituren des Pendolinos einen Tag zuvor von Nürnberg nach Hof überführt wurden.

Weil es damals nur zehn Exemplare gab, fehlte es an Ausbildungsfahrzeugen. "Die Überführungsfahrt diente gleichzeitig als Prüfungsfahrt für die Lokführer", erinnert sich Büttner. Seit 1998 ist er Lokführer, bildet mittlerweile selbst junge Kollegen aus. Er und seine Kollegen schätzten die Fiat-Neigetechnik des Pendolino. Sie biete einen höheren Fahrkomfort. Dazu kommt: Die Technik sei zwar kompliziert, aber einfacher als bei den neueren Neigetechnikfahrzeugen der Baureihe 612, die über Neigetechnik aus deutscher Entwicklung besitzen. Büttner: "Es hat Spaß gemacht."

Freude hatten auch die Fahrgäste an den Pendolinos. Ab Mai 1993 setzte ihn die Bahn auch von Nürnberg nach Schwandorf und Weiden ein. Mit dem neuen Zug kam der Komfort. Wo vorher rote Schienenbusse und silberne Wagen mit roten Kunstlederbänken fuhren, gab es nun stoffbezogene grüne Einzelsitze - weich gepolstert und mit hölzernen Armlehnen. Darüber lila eingefasste Gepäckablagen aus Lochblech, grauer Fußboden. Im Inneren hat sich das Design der 1990er Jahre erhalten. Außen ist der Pendolino inzwischen rot, nicht mehr mintgrün wie in den Anfangsjahren. Seine Dynamik hat er sich erhalten - trotz technischer Probleme. Im Jahr 2000 mussten die Züge wegen defekter Teile zeitweise stillgelegt werden.

Sanft saust der Pendolino dahin. Für Büttner ist die Fahrt Routine. Irgendwie. Er betätigt die Pfeife, als er in der Ferne auf dem Gleis orange gekleidete Arbeiter sieht. Sie gehen schnell zur Seite. Irgendwie ist die Fahrt aber doch keine wie jeder andere. "Man ist immer bisschen wehmütig, wenn man ein Fahrzeug zum letzten Mal fährt", sagt er.

Museumsplatz unsicher

Der Modelleisenbahnclub Münchberg hat Schautafeln im Zug aufgebaut - Pendolino von den Anfängen bis heute. Es gibt gratis Kaffee und Plätzchen. Politiker sind nicht da, dafür aber jede Menge Presse und Eisenbahn-Fans. Gegen 10 Uhr erreicht der Sonderzug den Nürnberger Hauptbahnhof. Ehe es wieder zurück nach Hof geht, pausiert der Pendolino mittags im Verkehrsmuseum.

Ob er dort dauerhaft ein Plätzchen bekommt, ist noch unklar, sagt Uwe Domke, Geschäftsführer von DB Regio Nordostbayern in Hof. Er bescheinigt dem Pendolino ein Erfolgsmodell zu sein. Allerdings sei es immer schwieriger geworden, Ersatzteile zu beschaffen. Und das Fahrzeug verfüge über keine Klimaanlage. Dennoch: Mit "einem weinenden Auge in jedem Fall" verbinde er den Abschied vom Pendolino.
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