Scheuer Walddieb gefasst

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Bayern
15.01.2015
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Als alles vorbei war, blickte der Waldsiedler traurig auf sein Lager zurück: "Kde domov muj?" lautet der erste Satz der tschechischen Nationalhymne. "Wo ist meine Heimat?", mag sich der 61-Jährige aus dem Nachbarland gedacht haben, als er vergangene Woche abgeführt wurde.

Als "Phantom vom Kornberg" spukte der Mann, der angab, sich im Wald einfach wohler zu fühlen als unter Menschen, seit April vergangenen Jahres rund um den Großen Kornberg im Fichtelgebirge. Nicht einmal bekam ihn jemand zu Gesicht - jedenfalls keiner, der ihn bei der Polizei gemeldet hätte.

Aus etwa 90 Fischer-, Jagd- und Skihütten sowie abgelegenen Wochenend- und Gartenhäuschen hat sich der Einsiedler mit Lebensmitteln, Kleidung, Werkzeugen und anderen Gegenständen versorgt - darunter ein Rad und ein Dekofrosch. Der verursachte Schaden von etwa 10 000 Euro übersteigt bei weitem den Wert der entwendeten Beute, der auf etwa 3000 Euro geschätzt wird. Die Gefühlslage der Bevölkerung schildert Robert Roth, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Wunsiedel, am Mittwoch bei einer Pressekonferenz als gespalten: "Für die einen war er ein armer Teufel, der ihnen Leid tat." Aber es gab auch Ängste in den am stärksten betroffenen Gemeinden Marktleuthen, Kirchenlamitz und Röslau. "Rund um den Kornberg war der Eine oder Andere schon beunruhigt", ergänzt Willi Dürrbeck, Leiter der PI Wunsiedel, "wenn am nächsten Tag das Lieblingskaninchen im Stall fehlte."

Zuvor in Österreich

Nachdem die Oberfranken aus Österreich, wo der Einzelgänger wegen 70 ähnlicher Delikte schon ein Jahr eingesessen hatte, erfuhren, dass von ihm keine Gefahr ausgehe, habe man seine kriminelle Energie zwar als gering eingeschätzt. "Aber wir haben als Polizeidienststelle auch eine Verantwortung gegenüber der Bevölkerung", erklärt Dürrbeck. Dass es dennoch neun Monate dauerte, bis das 25-köpfige Polizeiteam das perfekt getarnte Lager aufstöberte, habe mehrere Gründe: "Die Fahndung in dem etwa 60 Quadratkilometer großen Gebiet glich der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen", verdeutlicht Roth. Außerdem sei es für den Einsatzleiter nicht leicht, Fremdkräfte im Wald fast ohne Funk- und Handy-Empfang zu koordinieren.

Zudem sei der ehemalige Landwirt "strategisch ausgezeichnet aufgestellt" gewesen. "Das Lager war mit Ästen bis zum Boden im Buschwerk und umgeben von zwei Bächen sehr gut getarnt." Ein angrenzendes Sumpfgebiet machte die Suche ebenfalls nicht leichter, dafür aber eine befestigte Forststraße dem Weltflüchter ein mögliches Entkommen. Am Freitag der Festnahme hatte die Einsatzgruppe das Glück des Tüchtigen. Nach einem konkreten Hinweis über einen weiteren Hüttenaufbruch, sei man sehr zeitig vor Ort gewesen. Spuren im Schnee ermöglichten die Verfolgung. Die Geräuschkulisse durch einen aufziehenden Sturm habe verhindert, dass der Camper die heranrückenden Polizisten hören konnte. Die Beamten überraschten den Mann im Schlafanzug. "Er machte einen gefassten Eindruck", sagt Roth, "ein wenig verschlafen blickte er wehmütig auf sein Lager zurück". Kein Wunder, denn das geräumige Tipi mit mehreren Räumen, einem isolierten Schlafbereich mit Zelt und einer Räucherstelle hatte er liebevoll eingerichtet.

Wunsch nach Einzelzimmer

Allem Mitgefühl zum Trotz erwartet den Mundräuber wohl erneut eine Haftstrafe. "Bei der Vorführung vor der Haftrichterin hat er die ihm zur Last gelegten Taten eingeräumt", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Schmitt. "Wegen Diebstahls und Diebstahls in besonders schwerem Fall erwartet ihn nach Paragraf 243 StGB ein Strafrahmen von drei Monaten bis zu zehn Jahren." Die Richterin habe der Waldliebhaber gefragt, ob er im Gefängnis auch Brot bekomme und ob er wohl ein Einzelzimmer haben könne - er sei nicht so gern unter Menschen.

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Weitere Infos, Bilder und Video im Netz:

http://www.oberpfalznetz.de/waldlaeufer
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