Seehofers Kampf mit Stilfragen

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Bayern
23.11.2015
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87,2 Prozent. Horst Seehofer lächelt tapfer. Da mag der CSU-Chef vorher tausendmal versichert haben, dass ihm das Ergebnis seiner Wiederwahl ziemlich egal sei - diesen Moment muss er trotzdem erstmal verdauen. Denn eigentlich ist die Zustimmung seiner Partei zu ihm noch viel niedriger.

Von den 824 Delegierten haben nur 788 ihren Wahlzettel abgegeben, 25 davon haben ihre Stimme dabei ungültig gemacht. Seehofer kassiert also nicht nur 98 Nein-Stimmen, es gibt mutmaßlich noch 61 weitere Seehofer-Skeptiker im Saal. In der CSU-Arithmetik fallen sie satzungsgemäß unter den Tisch. Rechnet man sie ein, hat fast jeder fünfte Delegierte Seehofer die Gefolgschaft verweigert, so viele wie nie zuvor.

Noch am Vorabend hatte es so ausgesehen, als ob Seehofer die 95,3 Prozent von 2013 noch toppen könnte. Ein wahrer Jubelsturm war ihm entgegengebraust, als er Kanzlerin Angela Merkel in der Frage der Begrenzung der Flüchtlingszahlen auf offener Bühne kontra gegeben hatte. Auch seine Parteitagsrede am Morgen danach ist ein rhetorisches Meisterwerk. Mucksmäuschenstill ist es in der Halle. Alle hängen an seinen Lippen, als er die Grundkoordinaten der CSU definiert, ohne dick aufzutragen eine Erfolgsbilanz seiner sieben Jahre im Amt vorlegt und mit einer zum Dahinschmelzen gehauchten Liebeserklärung endet: "Danke, die Partei ist einmalig, ist einzigartig - Merci!" Standing Ovations.

Respektlos gegen Merkel?

Warum? Das ist die Frage, die schon Sekunden nach der Bekanntgabe des Ergebnisses in den langen Tischreihen heftig diskutiert wird. Es sind wohl Stilfragen, die den Ausschlag geben. Und die entscheidendste davon ist Seehofers Umgang mit Merkel am Vortag. In der riesigen Halle mit den großen Entfernungen zur Bühne hatten nur die vordersten Reihen mitbekommen, wie Merkel körperlich darunter litt, als Seehofer die mächtigste Frau der Welt neben sich stramm stehen ließ und ihr wie einem Schulmädchen vor versammelter Mannschaft einen Anpfiff verpasste. Erst in den Bildern der Abendnachrichten und der Morgenzeitungen wird vielen bewusst, dass Seehofer da womöglich eine Grenze überschritten hat. Bei aller Kritik im Detail - so springt man mit der Kanzlerin nicht um, sagen nun viele.

Der zweite Punkt ist die harsche öffentliche Zurechtweisung von Markus Söder nach dessen durchaus fragwürdiger Reaktion auf die Terroranschläge von Paris. Per Zeitungsinterview hatte Seehofer seinen Finanzminister gerüffelt, noch so eine Stilfrage. Schon am Freitag hatte ein Delegierter viel Beifall für seine an Seehofer gerichtete Feststellung erhalten, es müsse nicht sein, "dass einer zurückgepfiffen wird, nur weil er einmal Klartext redet". Mit einem demonstrativen Versöhnungshandschlag und einer kleinen Eloge auf die Erfolge des Ministers versucht Seehofer, die Sache aus der Welt zu schaffen. Sein "Danke, Markus Söder" wird mit dem stärksten und längsten Zwischenapplaus in seiner Rede bedacht. Es ist ein Gradmesser dafür, welchen Rückhalt der umtriebige Franke in der Partei inzwischen genießt. Söder muss dafür auf den Parteitag fast nichts tun. Er hat nur einen kurzen, dafür umso eifriger beklatschten Auftritt, ansonsten schlendert er lässig als gefragter Gesprächspartner durch die Reihen. Das reicht, es läuft auch so für ihn.

Einer weiteren Theorie aus dem Delegiertenkreis zufolge stellen sich auch viele aus dem CSU-Wirtschaftsflügel gegen Seehofer. Sie sind, so heißt es, dessen Eigenmächtigkeiten leid. Zuerst kippte Seehofer quasi im Alleingang den Donau-Ausbau, dann eierte er aus deren Sicht beratungsresistent durch die Energiewende, und nun greift er auch noch ohne Rücksprache nach dem Totenglöcklein für die dritte Startbahn am Münchner Flughafen. Die Antwort auf das "Warum?" ist also die Mischung aus mehreren Teilaspekten, zu denen auch gehört, dass es wohl Seehofers letzte Wahl zum Parteichef ist. Das lässt Loyalitäten schwinden und Dankbarkeit für politische Erfolge verdrängen.

Dickes Fell nötig

Seehofer, der schon viele Schlachten geschlagen und Rückschläge eingesteckt hat, drückt den Rücken durch. Sein Ego, seine Erfahrung und seine besonders gern zur Schau gestellte Altersgelassenheit verbieten es ihm, in dem für CSU-Verhältnisse überraschend mauen Wahlergebnis ein Problem zu sehen. Er könne mit dem Ergebnis gut leben, betont er. Entscheidender ist für ihn ohnehin die Zustimmung in der Bevölkerung. Und dass da die Werte passen, predigt er auf dem Parteitag fast gebetsmühlenhaft. "Am Stil meiner Politik und am Kurs wird sich nichts ändern", erklärt Seehofer trotzig. Für einen wachsenden Teil der CSU sind solche Sätze anscheinend eine Kampfansage.
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