Wissenschaftler erforschen den Wachtraum: Sportler üben Bewegungsabläufe
Trainieren im Schlaf

Klarträumer Lucas Krieg visualisiert in seinem Atelier in Nürnberg eine seiner Traumreisen. Bild: dpa
Archiv
Bayern
29.08.2015
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Der Alptraum kam immer wieder: Der kleine Junge wird in seinem Kinderzimmer wach. Das Licht brennt und jemand - oder etwas - ist in der Wohnung. Das Monster will ihm etwas antun. Die Tür geht auf - und Lucas Krieg wacht vor lauter Panik auf. Als er fünf Jahre alt war, hatte Krieg diesen Traum immer wieder. Doch eines Nachts passierte etwas Neues: Im Traum kam ihm die Idee, dem Monster die Freundschaft anzubieten. "Ich streckte ihm die Hand hin und wir haben unseren Frieden gemacht", erzählt Krieg. Danach kam der Traum nie wieder. Es war der erste sogenannte Klartraum, den der 30-Jährige hatte. Der Nürnberger war sich bewusst, dass er träumte und er konnte gezielt Einfluss auf das Geschehen nehmen.

Für Bewusstseinsforscher ist das "luzide Träumen" besonders spannend. "Klarträume bieten die Möglichkeit, Zwischenzustände des Bewusstseins zu ergründen", sagt Ursula Voss von der Uni Frankfurt. Erst Anfang der 1980er-Jahre konnte das Phänomen nachgewiesen werden. Inzwischen gibt es eine ganz Reihe von Studien über Klarträumer. So konnten Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Berliner Charité etwa beweisen, dass es die gleichen Areale im Gehirn sind, die in Wachzustand und Traum bestimmte motorische Bewegungen steuern. "Das war zwar keine Überraschung, konnte vorher aber nicht belegt werden", sagt der Neurowissenschaftler Martin Dresler.

Gedanken übers Denken

Noch relativ neu ist die Erkenntnis, dass bei Klarträumern ein Bereich im Gehirn stärker ausgeprägt ist, der komplizierte Denkprozesse ermöglicht - etwa sich Gedanken über das eigene Denken zu machen. "Das wird als Ursache dafür angenommen, dass wir in normalen Träumen kognitiv eingeschränkt sind und eben nicht merken, dass wir träumen."

Klarträume sind sehr selten. Laut einer repräsentativen Studie hat ungefähr die Hälfte der Menschen mindestens einmal im Leben einen luziden Traum, wie Michael Schredl vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit sagt. Etwa ein Fünftel der Menschen habe einmal im Monat einen Klartraum und etwa fünf Prozent im Schnitt einmal pro Woche. Und rund die Hälfte der Klarträumer könne auch Einfluss auf ihr Traumgeschehen nehmen.

Klarträume können gezielt genutzt werden. Der Sportwissenschaftler Daniel Erlacher von der Universität Bern untersucht etwa, wie Bewegungsabläufe im Traum geübt werden können. Das hat ähnlich starke Effekte wie das tatsächliche Training. Eine ganze Reihe von Profisportlern nutz laut Dresler bereits Klarträume, um gefährliche Bewegungsabläufe gefahrlos auszuprobieren. Auch in der Therapie von Alpträumen können Klarträume helfen - die Betroffenen können sich der Gefahr stellen oder eine Gegenstrategie anwenden.

Auch Lucas Krieg nutzt seine Träume. Der Designer und Künstler zapft sie als Quelle für seine Arbeit an. "Ich glaube, man ist im Traum viel kreativer." In Seminaren will Krieg sein Wissen weitergeben. Wie Michael Schredl geht der 30-Jährige davon aus, das grundsätzlich jeder lernen kann, luzid zu träumen.
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