Schneeschuhwandern
Der Zwercheck im Bayerischen Wald: Alpenkette am Horizont

Über den Zwieseler Winkel hinweg geht der Blick über die letzten Bayerwaldberge vor der Donau bis zur Alpenkette, aus der das Dachsteinmassiv herausragt. Bilder: Moser (4)
Freizeit BY
Bayern
19.02.2016
1801
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Wie überdimensionale Totempfähle wirken die Reste der Bergfichten auf dem Grenzkamm des Zwerchecks.

Im Reigen von Arber, Osser und Falkenstein nimmt sich das Zwercheck eher bescheiden aus. Ein Blick auf die Landkarte zeigt jedoch, dass dieser langgezogene Bergrücken mit seinem kleinen Gipfelkreuz sogar den Osser um 40 Meter überragt.

Wenn man wissen will, wie es mit dem Wetter und den Schneeverhältnissen im Bayerischen Wald aussieht, empfiehlt sich ein Blick auf die Homepage der Arber-Bergbahn. Die Bilder mit blauem Himmel und tief verschneiter Landschaft lockten uns, nachdem es zu Hause trüb und grau war, wieder einmal in den hintersten Winkel der Oberpfalz nach Lohberg (Kreis Cham).

Vom Scheibensattel mit seinem Langlaufzentrum waren wir mit den Schneeschuhen zum Zwercheck aufgebrochen. Zuerst ging es auf der gewalzten Loipe gemütlich dahin, bevor der Weg links steil zum Bergkamm empor führte. Es war schon eine Spur getreten, so dass es nicht allzu anstrengend war. Nur die schweren Rucksäcke drückten. Entgegenkommende Wanderer fragten uns, was wir denn da alles auf den Berg schleppen. "Alles voller Brotzeit", antworteten wir und ernteten skeptische Blicke und dazu ein Lachen. "Und für was habt ihr eine Lawinenschaufel dabei?" Jetzt mussten wir mit der Wahrheit rausrücken und erzählten, dass wir über Nacht auf dem Berg biwakieren wollen. "So was Narrisches", war die Antwort, bevor die Gruppe weiter zog.

Es war zwei Tage vor dem letzten Vollmond und wir wollten die Stimmungen des Abends, der Nacht und des Morgens einfangen. Und wir wollten nicht zweimal auf den Berg steigen. Das Zwercheck hat nach dem Orkan Kyrill vom 18. auf den 19. Januar 2007 sein Gesicht völlig verändert. Drüben in der Wetterstation am Großen Arber hatte man in dieser Nacht Böen bis zu 170 Kilometern in der Stunde gemessen. Wo vorher dichter Fichtenwald war, lagen danach entwurzelte und zersplitterte Bäume. Ein Chaos, das nach und nach aufgearbeitet wurde. Jetzt stehen nur noch einzelne Gruppen von Fichten und tote Baumskelette herum. Schön anzusehen in ihren von Schnee und Eis verzauberten Gestalten.


Künisches Gebirge


Auf dem Bergkamm verläuft die Grenze zu Tschechien, der Nationalpark Sumava grenzt an. Dieser Teil des Bayerischen Waldes wird auch als Künisches Gebirge bezeichnet. Der Name leitet sich ab von "die Königlichen", den künischen Freibauern, die hier einst siedelten und deren Motto war: "Niemands Herr und niemands Knecht, das ist künisch Bauernrecht". Manche Quellen sagen, dass bereits im 12. Jahrhundert durch die Grafen von Bogen Bauern in diesem Gebiet angesiedelt wurden, andere Historiker sprechen vom 14. Jahrhundert. Die Freibauern waren unabhängig von der Grundobrigkeit und hatten freie Gerichtsbarkeit. Erst 1848 verloren die "Künischen" ihre Privilegien.

Auf dem Zwercheck stand einst die Juranek-Hütte in Erinnerung an den Pilsener Ski-Pionier. Sie wurde dreimal errichtet, 1922, 1932 und nochmals Ende 1945, nachdem sie in den letzten Kriegstagen von deutschen Soldaten gesprengt worden war. Letztendlich wurde sie ein Opfer des Kalten Krieges, als die Grenzregion Sperrgebiet wurde. Heute zeugen nur noch kümmerliche Reste davon.

Wir stapften durch eine Märchenlandschaft, suchten nach einem Platz mit Aussicht, gruben zwei Löcher in den Schnee, um einigermaßen windgeschützt zu sein. Mein Partner suchte Feuerholz, während ich mit dem Fotografieren beschäftigt war. Alle Viertelstunde anderes Licht, Wolkengebilde als Dreingabe. Angereifte Bäume wie Totempfähle, blitzende Sonne, Baumskelette in weiße Obelisken verwandelt und eine Stille, die spürbar wurde. Gegen Abend waren wir allein auf dem Berg, genossen, in Daunenjacken gehüllt, die Stimmungen.


Der Gaskocher schnurrte


Der Mond ging schon auf, während die untergehende Sonne ihr warmes Licht vergoss. Vom Gelben zum fast kitschigen Rosa veränderte sich die Farbe des Schnees, bevor am Horizont nur noch ein schmaler Streifen Orange vom vergangenen Tag kündete und die Kälte der Nacht hereinbrach. Der Gaskocher schnurrte, das Gulasch schmeckte, der Rotwein wurde in der Blechflasche am Feuerchen temperiert. Bald krochen wir in die Schlafsäcke mit dem Gedanken, hoffentlich nicht den Sonnenaufgang zu verpennen.

Das Aufstehen, besser gesagt, das mühsame Herauskriechen nach so einer Nacht, war wirklich kein Vergnügen. Aber die Alpenkette am Horizont war mehr als eine Entschädigung. Es war eine Belohnung. Und nun, wieder Fotografieren. Zwar die gleiche Szenerie, aber ganz anderes Licht. Traumhaft ist vielleicht die passende Vokabel für das, was wir an diesem Morgen erlebt haben. Dankbarkeit erfüllte uns. Dass es nur schwarzen Kaffee zum Frühstück gab, weil die Milch gefroren war, sei nur am Rande angemerkt.

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