Unser Verein
Krumm, aber einzigartig

Wenn der Ast krumm war, ist es auch das Horn. Dem Klang tut das keinen Abbruch. Bild: hfz
Freizeit BY
Bayern
05.08.2016
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Die Speichersdorfer Fichtenhornbläser in Aktion: (von links) Barbara Gottinger, Regina Ullmann, Evi Schlosser, Vorsitzender Gerhard Kreutzer, musikalischer Leiter Heinz Schmidt und Ernst Eibisch. Bild: hia
 
Not macht erfinderisch. Bei einem Festumzug in Neustadt/WN ca. 1992, an dem er mit Gerhard Kreutzer (rechts) teilnahm, montierte Josef Reichl die Fichtenhörner kurzerhand auf zwei alte Kinderwagen-Achsen. Bild: hfz

Am Anfang stand Josef Reichl. Er legte den Grundstein für die Speichersdorfer Fichtenhornbläser. Reichl selbst lebt nicht mehr, sein Werk, die Fichtenhörner, besteht weiter.

Speichersdorf. Irgendwann wird es Josef Reichls Instrumente nicht mehr geben, bis es soweit ist halten die Fichtenhornbläser halten sein Erbe am Leben. Oft werden Fichtenhörner verwechselt mit ihren Verwandten, den Alphörnern. Sie sehen sich ähnlich und sind doch ganz anders. "In der ganzen Region sind keine vergleichbaren Instrumente zu finden", darauf ist der musikalische Leiter Heinz Schmidt stolz.

Völkerverständigung


Jedes Horn hat einen eigenen Charakter, wie die Musiker. Alle sind musikalische Laien, aber mit Herz. Die Hauptsache ist für Schmidt, dass die Mitspieler patente Leute sind, mit denen man auch zusammensitzen und ein Bier trinken kann. Das tun die Fichtenhornbläser regelmäßig, und leisten dabei einen Beitrag zur Völkerverständigung. Neben Oberfranken spielen auch Oberpfälzer mit. Auch den Segen der Kirche haben sie: Pfarrer Sven Grillmeier ist Kassenprüfer und großer Fan.

Auch wenn bei den Fichtenhornbläsern jeder willkommen ist, von Vorteil ist es schon, ein Blechblasinstrument gelernt zu haben, meint Vorsitzender Gerhard Kreutzer. "Ein Fichtenhorn ist nicht leicht zu spielen." Wie bei Blechblasinstrumenten entstehe der Ton durch Druck, Blastechnik und Lippenarbeit. Kein Horn sei zu spielen wie das andere. Sogar Alphornbläser tun sich damit schwer. Schmidt vergleicht: "Alphörner sind alle gleich, wie Kleidung von der Stange. Unsere Fichtenhörner sind maßgeschneidert."

Krumme Töne erlaubt


Auch für Reichl war das nicht einfach, denn er war zwar musikalisch, begann aber erst mit 62 Jahren mit der Blasmusik. Dass nicht jeder Ton saß, fand er nicht tragisch. Für ihn war es am wichtigsten, dabei zu sein, auch noch mit über 80 Jahren. Wenn er seine Fichtenhörner nicht mehr spielen kann, könne er sie gleich einschüren, davon war er überzeugt. Kreutzer lacht: "Aus einem krummen Horn darf auch mal ein krummer Ton kommen."

Über den Reichl Sepp gibt es viele Geschichten. Sein Beruf als Eisenbahner führte den Letzauer nach Kirchenlaibach. Schon immer hatte er eine Leidenschaft für Holz. Er saß oft in der Lok und schnitzte, wofür er sogar einmal eine Abmahnung kassierte. Außerdem war er stur, "ein richtiges Urviech". Er trug kurze Hosen ohne Socken, auch wenn es kalt war. Während andere Musiker ihre Instrumente hüten wie ihren Augapfel, schnallte Reichl die meterlangen Hörner einfach auf den Dachgepäckträger und fuhr los, bei Wind und Wetter. Mittlerweile haben sich die Fichtenhornbläser für den Transport einen Anhänger zugelegt.

Reichl fuhr auch noch mit 86 Jahren Auto, bis zu dem Unfall, bei dem seine Frau ums Leben kam. Josef Reichl kam zwar körperlich wieder auf die Beine, verlor aber seinen Lebenswillen. Einige Monate später folgte er seiner Frau. Kurz vor dem Tod besuchte Schmidt Reichl noch einmal. Er versprach ihm, dass es weitergeht mit den Fichtenhörnern. Sie sollten nicht im Keller schimmeln, sondern anderen Menschen Freude bringen.

SommerserieNette Leute und ihre Geschichten

Speichersdorf. Was wäre die Region ohne ihre Vereine, von denen jeder auf seine Weise zum gesellschaftlichen Leben gehört und beiträgt. Überall trifft man auf interessante Leute mit spannenden Geschichten.

"Der neue Tag" erzählt einige dieser Geschichten und stellt in jeder Ferienwoche abseits der üblichen Berichterstattung einen "etwas anderen" Verein aus der Region vor. Das Ziel dieser Sommerserie ist es, die Vielfalt und die Besonderheiten des Vereinslebens im Norden Bayerns zu zeigen. Und vielleicht findet der eine oder andere sogar einen neuen Verein und ein neues Hobby.

Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/Unser-Verein

Und das tun sie. Jedes Jahr haben die Fichtenhornbläser 20 bis 30 Auftritte. Beim Almabtrieb in Neustadt am Kulm sind sie Stammgäste und im Oktober spielen sie sogar im Landtag. Viel mehr Auftritte möchte Schmidt nicht annehmen. "Wenn es zu stressig wird, macht es keinen Spaß mehr, das wollen wir nicht."

Doch vor dem Vergnügen steht auch beim Instrumentenbau die Arbeit, und zwar jede Menge. Schon die Auswahl der richtigen Bäume ist eine Wissenschaft für sich. Für einen guten Klang ist auch die Gesamtlänge des Horns entscheidend, Reichls Hörner sind über vier Meter lang. Manche sind krumm und schief. Wie die Fichte gewachsen ist, so ist das Horn geformt. Jedes Mal investierte er 50 bis 70 Arbeitsstunden, bevor er wusste, ob aus dem Stamm ein Instrument wird oder Feuerholz. "Und er schürte im Lauf der Jahre viele Hörner ein," erzählt Schmidt.

Seit Mitte der 80er Jahre baute Reichl die Fichtenhörner. Bei einer Geburtstagsfeier 1988 führte er ein Fichtenhorn vor und spielte ein Ständchen. Kreutzer blies probehalber einmal hinein. "Spiel doch mit", meinte Reichl. Das ließ sich Kreutzer nicht zweimal sagen und so waren sie schon zu zweit. Nach und nach kamen mehr Bläser dazu, 2013 wurde der Verein gegründet. Vor fünf Jahren stieß Schmidt zur Truppe. Sein Traum ist ein Auftritt vor dem Brandenburger Tor.

Nachwuchs gesucht


Dafür bleibt nicht mehr ewig Zeit. Trotz pfleglicher Behandlung entstehen kleine Risse im Holz. Bisher konnte noch jeder geflickt werden, aber irgendwann wird sich der Klang durch die Schäden so verändern, dass die Fichtenhörner nicht mehr gespielt werden können. Damit sie nicht wieder in Vergessenheit geraten, hat sich ein Schreiner an die Aufgabe gemacht, neue zu bauen.

Um den Fortbestand des Vereins zu sichern, ist auch Jugendarbeit wichtig. Es gebe momentan zwei Nachwuchsbläser, die beide aber schon über 50 Jahre alt sind. Die Speichersdorfer laden deshalb vor allem die jungen Leute herzlich ein: "Wer Interesse hat, einfach mal in so ein Horn hineinzublasen, kann jederzeit vorbeischauen. Probe ist einmal in der Woche, Mundstücke haben wir immer dabei."

Weitere Informationen:
www.fichtenhornblaeser.de

Kurz und bündigFünf Fragen an den Vorsitzenden

Wann wurde der Verein gegründet?

2013

Wie viele Mitglieder hat der Verein?

Sechs aktive, acht passive Mitglieder, zwei Nachwuchsbläser .

Warum ist der Verein etwas ganz Besonderes?

Im Umkreis von 200 Kilometern gibt es keine gleichartige homogene Gruppe, die auf krummen Hörnern spielt

Wie überzeugt ihr jemanden vom Beitritt?

Das Spielen auf naturbelassenen Hörnern ist etwas ganz Besonderes und Einzigartiges

Was ist die wichtigste Veranstaltung im Jahr?

Die Seniorenweihnacht in Speichersdorf, weil die Senioren von unserer Musik sehr fasziniert sind.
Weitere Beiträge zu den Themen: Fichtenhornbläser (2)Unser Verein (3)
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