500 Jahre Reinheitsgebot in Bayern - Zwei Ausstellungen in München
Hopfen und Malz Gott erhalt's

Bierseligkeit heute wie früher: Bier und Brezn sind fester Bestandteil der Münchner Geselligkeit und Freizeit. Das Bild zeigt eine Breznverkäuferin im Hofbräuhaus. Bild: Münchner Stadtmuseum
Kultur BY
Bayern
19.08.2016
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Hopfenhandel wurde seit Ende des 15. Jahrhunderts von Juden betrieben. Links hinten ist der historische Zoiglstern aus Eschenbach zu sehen. Bild: Jüdisches Museum München

Wussten Sie, dass die Geschichte eines der ältesten Genussmittel wesentlich älter ist und dass es in München eine bedeutende jüdische Kulturgeschichte des Bieres gibt? Und dass das Wirtshaus für Münchner das zweite Wohnzimmer war, ganz nach dem Motto "Leben und leben lassen"?

Von Christiane Gut

Im Jubiläumsjahr des Reinheitsgebots in Bayern, das in München seit 1487 gilt, gibt es zwei Bierausstellungen: Im Jüdischem Museum und im Münchner Stadtmuseum. Gleich vorweg: Der in der Oberpfalz beheimatete Zoiglstern und der Davidstern haben nur indirekt miteinander zu tun. Der Zoigl ("Anzeiger") ist ein Brauerstern, der sich zur gleichen Zeit wie der Davidstern von Böhmen nach Westen verbreitet hat. Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums, betont, dass er bei seinen Recherchen nicht mehr über die gleichzeitige Verwendung des Hexagramms herausfinden konnte.

"Der Wein dieses Landes"


Manche Bierfakten kann die Ausstellung schon klären: So erfährt der Besucher beispielsweise, dass Bier bereits vor 5000 Jahren in Ägypten konsumiert wurde. Für die Israeliten legten die Gelehrten im Talmud fest: Bier sei der Wein dieses Landes. Wasser, Hopfen, Malz und Hefe, die bekannten Bier-Ingredienzen, seien koscher, sie entsprechen den jüdischen rituellen Geboten. "Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten" lautet folgerichtig diese Ausstellung im Jüdischen Museum.

"Bier. Macht. München" unter diesem Motto zeigt das Münchner Stadtmuseum die Geschichte der Bierbrauerei und des Konsumierens von Münchner Bier. Der Gerstensaft spielte eine immense Rolle im gesellschaftlichen Leben: Feste und das Kabarett, aber auch die Politik, sogar die bildenden Künste hat das Bier stark beeinflusst.

Oans, zwoa, drei, gsuffa


Beide Ausstellungen sind übersichtlich auf zwei Ebenen strukturiert. Im Jüdischen Museum kann sich der Besucher einen unterhaltsamen Werbefilm von 1950 über das überaus beliebte Rheingold-Bier ansehen. Hermann Schülein, Vorstand der Löwenbräu AG, entwickelte nach seiner Emigration 1939 in die USA das erfolgreiche Bier, das in den 40er bis 60er Jahren am meisten beworben wurde. Bernhard Purin dazu: "In manchen Jahren gaben mehr Amis ihre Stimme für die Miss Rheingold ab, als bei der Präsidentenwahl."

Schräg gegenüber im Münchner Stadtmuseum können Sie sich schon mal aufs Oktoberfest einstimmen: Oans, zwoa, drei, gsuffa, gesellige Oktoberfest-Songs und angeheiterte Festbesucher - in einem eigenen Raum erlebt der Besucher die einzigartige, weltweit geschätzte Atmosphäre des weltweit größten Bierfestes. Stichwort: Hopfenhandel. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert war der Hopfenhandel - die bedeutendsten Hopfenanbaugebiete sind Hallertau, das Umland von Nürnberg und das westböhmische Saaz - vorwiegend in der Hand der Juden. Mit der 1868 eingeführten Gewerbefreiheit konnten sich jüdische Zuwanderer auch auf die Bierkrugveredelung der bislang schlichten Steinkrüge spezialisieren.

Einen großen Teil widmet die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum der Familie Schülein: Der aus Mittelfranken stammende Josef Schülein übernahm die Unionsbrauerei in Haidhausen. Innerhalb von 25 Jahren machte der wegen seines sozialen Engagements "König von Haidhausen" genannte Schülein sie zur zweitgrößten Brauerei Münchens. Nach dem Ersten Weltkrieg dann wird die neue Löwenbräu-Brauerei als Fusion von Unionsbräu mit Löwenbräu den Platz eins der bayerischen Brauereien behaupten. Die heute von Prinz Luitpold geleitete Schlossbrauerei Kaltenberg wurde ebenfalls von Schülein übernommen.

Aber auch heute noch spielt Bier in Israel eine Rolle: Bester Beweis ist die israelische Craft-Beer-Szene. Wer mag, kann ein vom Jerusalemer Herzl Beer Workshop und der Münchner CREW Republic gebrautes Bier im Café des Museums probieren!

Dass Münchner Bierkeller neben Treffpunkten der Geselligkeit auch politische Orte waren, wird im Untergeschoss der Ausstellung im Stadtmuseum thematisiert: Im Mathäser Bräu wurde am 7. November 1918 die Räterepublik ausgerufen, und die NSDAP zog Massen in die Bierhallen (die Gaudi einer Saalschlacht etwa kann der Besucher anhand von alten Filmaufnahmen miterleben). Das Attentat von Kurt Elsner am 8. November 1933 fand ebenfalls in einem der berühmtesten Biertempel, im Bürgerbräukeller, statt.

Grob und grantig


Um 1900 ließen sich auch Literaten, Künstler, Maler und Musiker beim Genuss einer Maß inspirieren. München stand damals unter dem Motto Kunst und Bier. Die Bedienungen waren auf der ganzen Welt bekannt, ihr Markenzeichen: grob, massig, grantig, schnell und wortgewaltig. München war die Metropole der Braukunst. Ab 1860 füllten die Brauereien das Bier in Flaschen ab, sodass um 1900 Bier zu den wichtigsten Exportgütern zählte. Die Münchner Bierbrauereien zählen zu den ältesten Unternehmungen. Schließlich waren die Bierhallen zwischen den Weltkriegen Orte der politischen Meinungsmacher. Der meist dazugehörige Rausch galt übrigens bis 1968 als Kavaliersdelikt. Auch dies erfährt man in der Ausstellung.

Es gibt viel zu erzählen über München und das Bier. Vielleicht eine gute Gelegenheit sich noch einmal die humoristische Satire Ludwig Thomas "Ein Münchner im Himmel" zu Gemüte zu führen.

ServiceAusstellung: "Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten". Bis 8. Januar 2017.

Ort: Jüdisches Museum, St.-Jakobs-Platz 16.

Öffnungszeiten: Dienstag bisSonntag 10-18 Uhr.

Info-Telefon : 089/233-96096, juedisches.museum@muenchen.de

Ausstellung: "Bier.Macht.München". Bis 8. Januar 2017.

Ort: Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1.

Öffnungszeiten: Dienstag bisSonntag, 10-18 Uhr.

Info-Telefon: 089/233-22370 stadtmuseum@muenchen.de.
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