Amüsante Lesung von Kolumnist Harald Martenstein in Marktredwitz
Zwischen Scheintoten und der Genderdebatte

Harald Martenstein präsentierte in der Buchhandlung Rupprecht eine Auswahl von Kolumnen, die im "Tagesspiegel" und in der "Zeit" erschienen sind. Bild: stg
Kultur BY
Bayern
09.03.2016
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Von Holger Stiegler

Marktredwitz. Er hat sich die anspruchsvollste journalistische Stilform ausgesucht - nämlich die Glosse. Und man muss schon verdammt gut schreiben können und kreativ sein, um allwöchentlich eine eigene Kolumne in der "Zeit" zu füllen. Mit Harald Martenstein kam einer der bekanntesten Kolumnisten Deutschlands am Dienstagabend in die Buchhandlung Rupprecht in Marktredwitz.

Zwei Bücher hat Martenstein im Gepäck, jeweils eine Sammlung mit Kolumnen, die überwiegend in der "Zeit" und im Berliner "Tagesspiegel" erschienen. "Die neuen Leiden des alten M." sind bereits 2014 erschienen, "Nettsein ist auch keine Lösung" ist ganz aktuell, in Marktredwitz liest Martenstein das erste Mal nach der offiziellen Buchvorstellung daraus vor. Schon die erste Geschichte des Abends nimmt die Zuhörer mit hinein in den Sprachduktus Martensteins: Ironisch, teilweise auch zynisch und oft politisch inkorrekt. Ein Schreiber, an dem man sich nicht nur stoßen kann, sondern an dem sich das Hoch-Feuilleton in der Vergangenheit immer wieder abreagiert hat. So gesehen also ein Kolumnist, der gehört wird.

Die großen Verlierer


"Ich bin aus dem Land, wo die Sargpflicht herrscht", liest Martenstein. Wortvollendet greift er die deutsche Sargpflicht auf und setzt sie in Beziehung zur muslimischen Tradition der Tuchbestattung. Er erzählt von Leihsärgen, von kurzfristigen Bekenntnissen zum Islam und einer geplanten Grabrechtsreform. Und kommt schließlich zur klaren Erkenntnis: "Die Scheintoten sind die großen Verlierer!" Die Geschichten bekommen natürlich einen ganz besonderen Charakter dadurch verliehen, dass sie vom Autor vorgelesen und auch entsprechend betont werden. Die Kunst, dies noch entsprechend gestisch und mimisch zu untermauern, beherrscht Martenstein. Schmunzeln und Lachen der Zuhörer, die höchsten Auszeichnungen für einen Satiriker, fehlen nicht.

Der Autor nimmt sich in weiteren Geschichten auch das Bildungssystem, die Jugend und die politisch korrekte Sprache vor. Er erzählt vom Sohn, der endlich eine Badehose hat, von den vielen Wörtern, die mit -ling enden und auf einmal nicht mehr opportun sein sollen, weil sie abwertend und abschätzig seien ("Ich habe mich gefragt, was jetzt eigentlich aus dem Zwilling wird. Gedoppelter vielleicht?") und auch von den abstrusen Folgen der Gender- und Gleichberechtigungsdebatte in einem Stahlwolle-Unternehmen. Ein Höhepunkt des Abends ist die Kolumne über "Hitler und seine Katzen", verbunden mit einer Zeitreise ins Jahr 1889, in dem man das Baby Hitler entführen und in der Gegenwart in eine inklusive Waldorfschule stecken könnte. Auch eine weitere wichtige Frage an alle Neonazis lässt Martenstein nicht unbeantwortet: "Falls sich herausstellen sollte, dass Hitler Jude war, würden Sie dann aufhören, Antisemit zu sein?"

Anruf an Weihnachten


Und was es mit dem Kinderkriegen und -erziehen auf sich hat, kann Martenstein ebenfalls erklären: "Der Sinn des Kinderkriegens besteht darin, dass, wenn man alt ist und die Freunde weggestorben sind, an Weihnachten jemand anruft." Dies alles könnte man auch billiger haben, wenn man bedenke, was ein Kind bis zum 18. Lebensjahr koste. "Für das Geld könnte man sich an Weihnachten auch von Mario Adorf anrufen lassen", bilanziert der zweifache Vater. Langer Applaus für einen pointierten Geschichtenerzähler.
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