Applaus und Pfiffe für Castorf, Jubel für den scheidenden Dirigenten Petrenko
Götterdämmerung schließt den Ring

Kultur BY
Bayern
03.08.2015
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Frank Castorf kostet die Reaktionen des Publikums auf seinen Opern-Vierteiler "Der Ring des Nibelungen" in Bayreuth regelrecht aus. Buhrufe und Applaus schallen gleichermaßen durchs Festspielhaus, im Fußball wäre das ein klassisches Unentschieden. Castorf steht am Samstagabend nach der "Götterdämmerung" mit seinem Regieteam minutenlang vor dem Vorhang. Eine Hand hat er lässig in die Sakkotasche gesteckt. Er kennt ja mittlerweile die emotionalen Wallungen, sein "Ring" ist zum dritten Mal zu sehen. Anfangs waren die Reaktionen noch viel heftiger. In den vergangenen beiden Jahren war es allerdings viel heftiger zugegangen, nach der Premiere 2013 packten wütende Zuschauer sogar Trillerpfeifen aus, um ihr Missfallen auszudrücken.

Einig ist sich das Publikum zum Abschluss der Premierenwoche bei den Bayreuther Festspielen aber in der Bewertung der Musik: Dirigent Kirill Petrenko wird laut und ausführlich bejubelt, es ist ein Triumph für den bescheiden, fast schüchtern auftretenden 43-Jährigen. Das erneut beeindruckende Bühnenbild von Aleksandar Denic konzentriert sich auf schmuddeliges Hinterhof-Berlin. Spät wird die Fassade der New Yorker Börse enthüllt. Wird sie als Symbol des Kapitalismus zum Abschluss brennen? Ein grandioses Schlussbild versagt der Regisseur den Zuschauern. Es brennt bloß in einer Tonne im Hinterhof, Hagen starrt in die Flammen. Es ist eben auf nichts Verlass, wenn sich Frank Castorf ein Stück vornimmt. Anspielungen sind reichlich da, eingelöst werden sie meist nicht.

Umso gelungener ist der Auftritt der Sänger in der "Götterdämmerung". Stefan Vinke singt erstmals die Siegfried-Partie - in einer beeindruckenden Weise: Konditionsstark und facettenreich erweist er sich als echter Gewinn für die Produktion. Gut, dass er schon für das nächste Jahr wieder gebucht ist.

Auch Catherine Foster ist eine starke Brünnhilde. Zurecht bejubelt das Publikum die Sänger und Sängerinnen. Doch für Kirill Petrenko wird der Abend ein echter Triumph. Er ist es, der im aktuellen Bayreuther "Ring" die Fäden zusammenhält. Nichts ist übertrieben, nichts krachend. Alles ist präzise und doch leuchtend ausgestaltet.

Umso schwerer dürfte der Abschied von Petrenko fallen. Wie er bereits im Herbst 2014 angekündigt hatte, will er sich künftig auf seine Aufgabe als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München konzentrieren, ehe er dann Chef der Berliner Philharmoniker wird.

In Bayreuth wird Marek Janowski übernehmen. Wie er sich im Castorfschen Chaos zurechtfindet, dürfte eine der spannenden Fragen 2016 auf dem Grünen Hügel werden.

Denn wenn auch die "Lohengrin"-Ratten gehen müssen - ein sinkendes Wagner-Schiff verlassen sie nicht. Die Unaufgeregtheit der Premierenwoche ist erstaunlich, wenn man all die Gerüchte im Vorfeld bedenkt - etwa um ein angebliches Hügelverbot für die scheidende Festspiel-Co-Chefin Eva Wagner-Pasquier. Die 70-Jährige wirkte aufgeräumt und gelassen - und zeigte sich im Gegensatz zu ihrer Halbschwester Katharina auch bei öffentlichen Anlässen, etwa beim Staatsempfang nach der Premiere oder bei der Eröffnung des erweiterten und sanierten Richard-Wagner-Museums am Sonntag vor einer Woche.
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