Arm an Sätzen, arm an Schätzen

Shakespeares "König Lear" sei eigentlich Beckett, heißt es. Auch wegen des Narren, der Lear mit Liedern, absurden Sprüchen und rätselhaften Witzen die Augen zu öffnen versucht. Bild: Marion Bührle
Kultur BY
Bayern
23.10.2015
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Es ist sein bitterstes Bühnenwerk. Ein Weltuntergangsstück par excellence. Wenn Shakespeare in seinem großen Drama von 1607 den greisen "König Lear" in den Wahnsinn treibt, offenbart er zugleich den Irrsinn menschlichen Daseins.

Klaus Kusenberg und Günter Hellweg (Ausstattung) wählen als Kulisse für ihre Nürnberger Inszenierung das große Nichts. Die Schauspiel-Bühne verwandelt sich in einen finsteren Guckkasten. Von den Wänden räkeln sich schwarze Stoffbahnen herab. In der Mitte ist die Erde platziert - als schräg aufgestellter Kreis, der sämtliche Protagonisten am Abgrund der Hoffnungslosigkeit agieren lässt.

Heuchlerische Töchter

Wie töricht muss ein König sein, der seine Töchter dazu auffordert, ihn in höchsten Tönen zu loben? Welche ihn am meisten liebt, der gehört der größte Anteil am Reich. Wer arm an Sätzen ist, bleibt arm an Schätzen. Lear glaubt den heuchlerischen Töchtern Goneril und Regan. Er verstößt die rechtschaffene Cordelia, die er eigentlich liebt. Nur, weil sie ihre Zuneigung nicht in rechte Worte fassen kann. Faszinierend, wie Elke Wollmann, Julia Bartolome und Josephine Köhler dieses bittere Intrigenspiel in Szene setzen. Wir lernen daraus: Die Ehrliche ist wieder einmal die Dumme.

Während Lear letztlich den Verstand verliert, verliert der alte Gloster (Rainer Matschuk) sein Augenlicht. Während der König auf die falschen Töchter setzt, wird der Graf vom falschen Sohn geblendet. Während sich dem einen im Wahn die Wahrheit eröffnet, gehen dem Blinden endlich die Augen auf. Ein tragisches Possenspiel aus Widersprüchen und Gegensätzen, bei dem wir lernen: Blinde werden sehen und Verrückte die Wahrheit sprechen.

Blickt man auf Kusenbergs frühere Regiearbeiten, den nervenaufreibend umgesetzten Pharmazie-Krimi "The Effect" von Lucy Prebble oder John von Düffels Ödipus-Geschichte als leise daher kommendes Psychodrama, so wundert man sich etwas über den braven "Mottenkisten"-Lear. Mit heiligem Ernst, fast wie ein Hochamt, wird hier die Textvorlage zelebriert. Immerhin: Um Längen zu vermeiden, wird an einigen Stellen kräftig der Rotstift gezückt.

Frau in Narrenrolle

Apropos Rotstift: Farbe bringt in diese Inszenierung ein kluger Narr mit bunter Bommelmütze. Josephine Köhler (in einer Doppelrolle) spielt den witzigen Weisen herausstechend und bestechend zugleich. Von ihm beziehungsweise ihr lernen wir: Wenn du von allen guten Geistern verlassen bist, bleibt dir immer noch der Narr.
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