Auf der Pirsch
Porzellanikon in Selb zeigt jadgbare Tiere in Porzellan

Die aufrecht sitzende Fuchsplastik ist getreu ihrer Vorlage aus der Natur nach einem Entwurf von Theodor Kärner von 1933 gefertigt (Rosenthal Kunstabteilung). Bild: Porzellanikon
Kultur BY
Bayern
24.12.2015
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Aus dem Jahr 1961 stammt der 59 Zentimeter große Wanderfalke. Entworfen hat ihn Hans Achtziger (Kunstabteilung Lorenz Hutschenreuther Selb). Bild: Porzellanikon
 
August Göhring war ab 1914 Mitarbeiter in der Manufaktur Nymphenburg, 1936 entwarf er diesen Steinbock. Bild: ske

Ein Fuchs mit einem gerissenen Hahn, die Rehgeiß mit ihrem Kitz oder der brunftende Hirsch: Was wie Szenen in der freien Wildbahn aussieht, sind in Wirklichkeit Figuren, die das Porzellanikon in Selb unter dem Titel "Auf der Pirsch" präsentiert.

Ist das eine schöne Ausstellung!" schwärmt eine Besucherin, als sie durch die aktuelle Präsentation "Auf der Pirsch" im Porzellanikon in Selb geht. Ein 91-jähriger Privatsammler aus Nürnberg hat seine Schränke und Vitrinen geöffnet: Rund 170 Exemplare - überwiegend aus dem 20. Jahrhundert - seiner 700 Stücke umfassenden Sammlung wurden für die Ausstellung von Kuratorin Petra Werner in Abstimmung mit dem Jagd- und Fischereimuseum München ausgewählt.

Fuchs, Hase, Eule


Exklusive Präsentationen zeigen Porzellanfiguren wie unter anderem den schleichenden Fuchs (Porzellan Manufaktur Meissen), einen imposanten Hubertushirsch (Porzellan Manufaktur Nymphenburg), einen stehenden Hasen (KPM Berlin), eine lebensgroße Schnee-Eule (Königliche Porzellan Manufaktur Kopenhagen), einen farbenprächtigen Eichelhäher (Porzellan Manufaktur Herend), einen Fasan (Porzellan Manufaktur Bing & Grøndahl, Kopenhagen) oder einen Feldhasen (Rosenthal, Kunstabteilung Bahnhof-Selb). Auf großformatigen Texttafeln wird die Geschichte der Hersteller in chronologischer Reihenfolge nach Gründungsdaten erzählt. "Die Ausstellung kommt besonders gut bei Kindern an. Sie interessieren sich für die einzelnen Tiere in ihren unterschiedlichen Positionen", weiß die Kuratorin

Intensive Überlegungen gingen der Ausstellung voran: Welche Tiere will man zeigen, nach welchen Kriterien sollen sie in Gruppen zusammengestellt werden, wie die Kulisse gestalten? Hoch- und Niederwild wird ebenso gezeigt wie Federwild, die entsprechenden Erklärungen der einzelnen Arten werden auf Texttafeln gegeben. Einzelne Exemplare sind großformatigen Fotos echter Tiere gegenübergestellt: So wird die unübertroffene Kunstfertigkeit in der genauen Darstellung sichtbar.

Die Porzellankünstler haben ein gutes Auge, grenzenlose Geduld und verfügen über unnachahmliches Können. Sie müssen vor der Erschaffung ihrer Werke zeitaufwendige Naturstudien gemacht haben. Wer kann schon in der Fantasie erahnen, wie die Körperhaltung, der Gesichtsausdruck eines Tieres in einer ruhenden, angreifenden oder spielenden Situation ist? "Die Künstler haben sich in Zoos wie Hellabrunn umgesehen, dort viel Zeit verbracht, Zeichnungen und Skizzen angefertigt, nach denen sie dann ihre Modelle bauten."

Ähnlich dem Jäger, der vor seinem Schuss das Wild intensiv beobachtet und kennt - und keinesfalls auf jedem seiner Jagdgänge zum Schuss kommt - muss auch der Porzellankünstler umfangreiche Studien zu den Wildtiere unternehmen, bis er diese so naturgetreu nachbilden kann, dass Jäger und Kenner sich beim Betrachten unwillkürlich an selbsterlebte Situationen erinnern. Der hohe Arbeitsaufwand wird in Selb sichtbar, wenn man eine große Tischvitrine sieht, in der neben den Rohstoffen die Formen für einzelne Körperteile und die damit gegossenen Einzelteile sind, die dann zur Figur zusammengesetzt wurden. Wie kam es überhaupt dazu, dass Tiere in Porzellan nachgebildet wurden? "In der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war die Jagd fürstliches Privileg, das zu den favorisierten Vergnügungen des Adels gehörte", erklärt Werner. Auch der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke und sein Sohn August III. waren zum einen leidenschaftliche Jäger, zum anderen aber auch passionierte Sammler.

Typisches Verhalten


Nach der Gründung der Meissener Porzellanmanufaktur wollte man die Gäste mit möglichst naturgetreuen Nachbildungen in Porzellan beeindrucken. So wurden großformatige Tierplastiken geschaffen. Viele dieser Tiere in charakteristischer Ausformung und typischem Verhalten gestaltete in den 1730er Jahren Johann Joachim Kaendler (1706-1775). Er war in der Porzellan-Manufaktur Meissen zunächst als Modellierer, später als Modellmeister tätig. Ab 1740 übernahm er die Gesamtaufsicht über das "weiße Corps" (Former, Modelleure und Dreher).

Sein künstlerisches Können zeigte er insbesondere bei der Schaffung von Kleinplastiken, die der Manufaktur Meissen zu Weltruf verhalfen. Er schuf etwa 900 Modelle und beeinflusste die gesamte europäische Entwicklung maßgeblich.

Aus der Porzellanmanufaktur Nymphenburg sind vor allem die Tiere und Hatzstücke der Bildhauer Franz Anton Bustelli (1723-1763) und Dominikus Auliczek (1734-1804) bekannt. Der Porzellanmodelleur Bustelli begründete als Modellmeister den Ruhm der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. Er schuf zahlreiche Figuren und Gruppen von vollendeter Eleganz. Am bekanntesten sind seine Figuren aus der Commedia dell' Arte. Als mit dem Ende der Napoleonischen Kriege der Adel Einfluss und Vermögen verlor, viele Manufakturen deswegen schließen mussten, formierte sich lediglich in Frankreich um 1830 die Bildhauergruppe "Les Animaliers", die sich um eine Erneuerung der Tierdarstellung in der Plastik bemühte.

Persönliche Vorliebe


Zu dieser Gruppe zählte Antoine-Louis Bayel (1796-1875), dessen Modelle in verkleinerter Form in der Nymphenburger Manufaktur reproduziert wurden. Für das Bildungsbürgertum waren Jagd und Tiere kein Thema. Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich dies jedoch, Künstler wollten die Persönlichkeit des Tieres erfassen. Jetzt schuf die Königliche Porzellanmanufaktur in Kopenhagen zahlreiche Tierplastiken. "Die deutschen Manufakturen Berlin, Meissen und Nymphenburg wollten nicht den Anschluss verlieren, wandten sich dem Kopenhagener Stil zu", führt Petra Werner aus.

Anfang des 20. Jahrhunderts begann schließlich Philipp Rosenthal in Selb mit dem Aufbau einer Kunstabteilung. Mit den jetzt gefertigten Tierplastiken gelangte die persönliche Vorliebe des Firmengründers zur Jagd zum Ausdruck. Ab 1918 wurden in der Lorenz-Hutschenreuther-Kunstabteilung in Selb ebenfalls zahlreiche Tierfiguren geschaffen.

ServiceAusstellung: "Auf der Pirsch - Jagdbare Tiere in Porzellan". Bis 3. April 2016.

Ort: Porzellanikon Selb, Werner-Schürer-Platz 1, 95100 Selb

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. An Feiertagen ist ebenfalls von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet (außer 24. und 31. Dezember).

Information: Telefon 09287/91800-0 oder info@porzellanikon.org. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Weitere Informationen im Internet:
www.porzellanikon.org
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