Auschwitz-Überlebender Mannheimer gestorben
Mahner gegen das Vergessen

Max Mannheimer, der im Zweiten Weltkrieg fast seine gesamte Familie verlor, hielt mehr als drei Jahrzehnte lang mit ungezählten Besuchen in Schulen, Vorträgen und Publikationen eindringlich die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus wach. "Ich bin Zeitzeuge und kein Ankläger und kein Richter", sagte er einmal. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Mannheimer als Mahner gegen das Vergessen und großen Versöhner. Bild: dpa
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Bayern
25.09.2016
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"Vergessen kann man es nie", sagte der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer. So war es seine Lebensaufgabe, öffentlich gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus zu kämpfen. Jetzt ist er mit 96 Jahren gestorben

München. Das Erinnern war sein Lebensziel. Max Mannheimer, Auschwitz-Überlebender und Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, berichtete unermüdlich in Schulen, Universitäten und bei vielen Anlässen über das, was er unter den Nazis durchleben musste. "Max Mannheimer war ein Überlebender des Grauens, der die Menschen trotz aller bitteren Erfahrungen liebte", sagt Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, über den am Freitag im Alter von 96 Jahren Gestorbenen.

Lebenslang trug der Ex-Häftling Mannheimer am linken Unterarm die tätowierte Nummer 99 728 . "Opa, warum hast Du so einen Nummer an der Hand", fragten seine Enkelinnen. Es sei eine Telefonnummer, antwortete Mannheimer - erst später erfuhren die Enkel, was die Nummer bedeutet.

Mit Bruder überlebt


Die jüdische Familie Mannheimer aus Neutitschein im heutigen Tschechien geriet trotz Flucht in die Hände der Hitler-Schergen. Sie wurde ins Konzentrationslager Theresienstadt und von dort nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Von acht Mitgliedern der Familie starben sechs: Ein Bruder wurde schon 1942 verhaftet, auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau sah Max Mannheimer 1943 zum letzten Mal seine Eltern, seine Schwester und seine Frau, die er wenige Monate zuvor geheiratet hatte. Die Angehörigen wurden vergast. Mit zwei Brüdern wurde er zur Arbeit ausgewählt - einer von ihnen überlebte Auschwitz ebenfalls nicht: Ernst Mannheimer erkrankte an Durchfall und geriet in die "Selektion": Wer krank war, wurde ermordet.

Nur Mannheimer und sein jüngerer Bruder Edgar überstehen den Holocaust. Die Brüder kommen über Warschau in das KZ Dachau vor den Toren Münchens, werden 1945 in das Außenkommando Mühldorf verlegt und auf einem Evakuierungstransport am 30. April 1945 von den Amerikanern befreit. "Als ich bei Tutzing befreit wurde, war ich eine halbe Leiche. Damals habe ich gesagt: Wenn ich 40 Jahre alt werde, bin ich zufrieden - und jetzt bin ich 90!", sagte Mannheimer vor sechs Jahren.

Mannheimer verlässt Deutschland - mit dem festen Vorsatz, nie wiederzukehren. Doch er verliebt sich ausgerechnet in eine Deutsche: Elfriede Eiselt, Tochter einer sozialdemokratischen Familie. "Sie war eine Heldin", sagt er - denn die Familie versteckte Juden, riskierte das eigene Leben. Ende 1946 war Mannheimer zurück in dem Land, "dessen Boden ich nie wieder betreten wollte". Als seine Frau Mitte der 1960er Jahre an Krebs stirbt und er selbst glaubt, krank zu sein, schreibt er seine Erinnerungen auf - für seine Tochter.

Der aus Mähren stammende Mannheimer hatte sich stets als Zeitzeuge gesehen - nie als Ankläger. "Der ganze Zweck meiner Arbeit ist es, zu den nachfolgenden Generationen zu sprechen und sie vor den Gefahren einer Diktatur zu warnen", sagte Mannheimer zu seinem 90. Geburtstag. "Es leben viele - aber wenige können darüber reden ohne Hass", sagte er in einem Film-Porträt namens "Der weiße Rabe" - so bezeichnete sich Mannheimer selbst.

Malen hat geholfen


Die jungen Menschen hätten ein überraschendes Interesse an der Nazi-Zeit, berichtete Mannheimer von seinen Vorträgen in Schulen. "Die Urenkel möchten wissen, weshalb ihre Urgroßeltern so lange einem Massenmörder die Treue halten konnten." Noch in den Wochen vor seinem 95. Geburtstag besuchte Mannheimer Schulklassen.

Mitte der 1980er Jahre wurden seine Erinnerungen in den Dachauer Heften veröffentlicht, er begann mit Führungen durch das frühere KZ. Teils schaffte er das nur mit Medikamenten. Beim Malen versuchte er schon seit den 1950er Jahren, die Schrecken aufzuarbeiten. Geholfen habe "das Malen, das Erzählen - und die Tabletten", sagte er. Doch: "Vergessen kann man es nie - das ist unmöglich."
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