Ausstellung über Kulturgeschichte des Porzellans bringt den Zeitgeist näher
Geschichte im Vorbeigehen

Nach einem Entwurf von Carl Ries von 1785 wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die Plastik "Die hohe Frisur" mit Aufglasur- und Goldbemalung geschaffen.
Kultur BY
Bayern
02.04.2016
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Der Besucher erlebt die unendliche Vielfalt des Weißen Goldes.

Wollten Sie schon immer mal Geschirr sehen, von dem man zu Zeiten August des Starken speiste? Erkennen Sie das Festtagsservice Ihrer Großmutter wieder? Im Porzellanikon in Hohenberg sieht man viel Neues , kann sich aber auch an viele Details der eigenen Wohn- und Esskultur erinnern.

Von Susanne Kempf

Jetzt geht die Reise weiter, die 2014 begonnen hatte: Damals wurde im Porzellanmuseum in Hohenberg die Ausstellung "200 Jahre Porzellan bayerischer Fabriken" eröffnet. Konzentrierte man sich hier auf eine Reise durch die bayerischen Porzellanunternehmen, können ab sofort Besucher - nach umfangreichen Umbauarbeiten - die Welt des Porzellans des 18. Jahrhunderts bis ins Jahr 1989 in spannend inszenierten Räumen erleben.

Neu zur Präsentation von 2014 hinzugekommen sind die Museumsgeschichte sowie die "Sammlungs- und Tafelkultur". Auf rund 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in der ehemaligen Direktorenvilla des Familienunternehmens C. M. Hutschenreuther erleben Besucher eine mitreißende Präsentation mit unendlich vielen Facetten.

Seit über 200 Jahren


Es werden nicht einfach Tassen neben Tellern neben Kannen gezeigt. Nicht nur der Liebhaber wird in die Vielfalt des Porzellans hineingezogen, das unser Leben seit über 200 Jahren begleitet. Die Ausstellung inszeniert Porzellan als Alltagsgegenstand, praktischen Helfer oder nettes Accessoire, als Luxusgut, Kuriosum, Geschenkartikel, Erinnerungsstück oder unverzichtbares Gut. Wer nur Regale oder Vitrinen erwartet, wird staunen. Die ausgestellten Objekte werden inszeniert, der Besucher wird hineingeführt in die Welt, aus der das Porzellan jeweils stammt. Großbilder unter Verwendung zeitgenössischer Vorlagen, audiovisuelle Medien und interaktive Stationen bringen das jeweils vorherrschende Zeit- und Lebensgefühl näher.

Vieles ist "Geschichtsunterricht im Vorbeigehen", aber er geht sogar deutlich weiter als jeder schulische Unterricht. Wann erfährt man schon, wie im 18. Jahrhundert gespeist wurde, in welcher Rangordnung man am Tisch eines Herrschers Platz nehmen oder dahinter stehen durfte? Fast neuzeitlich ging man damals mit dem Thema Abfall um: Übriggebliebenes von der Tafel der hohen Herrschaften wurde nicht weggeworfen, sondern an die hinter den Herrschaften stehenden Gäste, die Bediensteten verteilt.

Niemals hört man in der Schule, wie sich die hohen Damen und Herren im 18. Jahrhundert zu behelfen wussten, wenn ein menschliches Bedürfnis sie plagte und es keine Toilette in Reichweite gab.

Kein Saucenbehälter


Das Museum zeigt dem ebenso staunenden Betrachter dazu ein "Bourdalou". Was auf den ersten Blick wie ein Saucenbehälter wirkt, entpuppt sich als kleines bemaltes Gefäß, das adeligen Damen von einer Zofe unter den Rock geschoben wurde, um sie zu erleichtern. Man mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn ein Besucher darin Ähnlichkeiten zu einer vermeintlichen Sauciere entdeckt, die er geerbt oder auf dem Flohmarkt erstanden hat.

Im 18. Jahrhundert war die weiße Ware ein beliebtes Sammlerobjekt, besonderes bei den Herrschenden. Man schmückte sich mit Porzellan sowie dessen Vielgestaltigkeit und gab eigene Stücke in Auftrag. Häufig kopierten die Hersteller asiatische Vorbilder. Verkehrte Welt: Heute kopiert man in Asien munter europäisches Porzellan. Diese Motive hatten häufig gar nichts mit dem wirklichen Asien zu tun, sondern entsprangen der Fantasie des Künstlers. Porzellan diente vielfach Dekorationszwecken, der Präsentation des guten Geschmacks, Reichtums und der gesellschaftlichen Stellung. Nur der Adel konnte sich das wertvolle Material leisten.

Großformatige Fotos zeigen opulente Tischrunden, umrahmt von Skizzen, die exakt die Eindeck-Regeln angeben. Klickt man auf eine interaktive Schaltfläche, erfährt man Wissenswertes zum jeweiligen Teil. Natürlich steht in unmittelbarer Entfernung das dazugehörige Porzellan. Porzellan war damals unabdingbar in der Repräsentations- und Tafelkultur.

Große Vielfalt


Die präsentierte Kulturgeschichte des Porzellans erfasst geschickt die große Vielfalt des Lebens mit Porzellan. Sie versteht es in jedem Raumwinkel, hinter jeder Wand, in jeder Inszenierung neue Aspekte zu beleuchten und anschaulich zu vermitteln. Eine umfangreiche Sammlung von Portrait-Tassen des beginnenden 19. und 20. Jahrhunderts stellt bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte vor. Eine Vitrine beherbergt Eisbären aus der Zeit des Jugendstils von verschiedenen europäischen Manufakturen. Figurenkeramik zeigt liebliche Motive wie "Die junge Mutter", "Mädchen mit Ziege" oder "Die Krämerin". An den Medienstationen erhält der Besucher Informationen zur Geschichte, Produktpalette und zu Marken der einst mehr als 200 Produzenten in Deutschland. Werbeplakate und Schaufenstergestaltungen aus den 1920er Jahren zeigen, wie klug bereits damals die Werbebranche Kunden beeinflussen konnte. Auch die Zeit des Wirtschaftswunders wird lebendig: in einem Fernsehapparat aus dieser Zeit kann der Besucher einen Werbefilm-Zusammenschnitt sehen, der nicht nur Besucher aus Weiden freuen wird: Fernsehwerbung der Firma Seltmann versetzt den Zuschauer im Handumdrehen in die 1960er bis 1980er Jahre zurück.

Porzellan zur Wandgestaltung und Restaurantgeschirr aus dem "Palast der Republik" zeigen anschaulich, dass auch die Mächtigen im Arbeiter- und Bauernstaat genau wussten, was schön und gut ist. Porzellan aus Ost und West wird einander gegenüber gestellt. So verdeutlicht die Ausstellung, dass ähnliche Ansprüche eine fast identische Formensprache schufen. Einer der Höhepunkte ist sicher das Rosenthal-Atelier des Künstlers Björn Wiinblad in Selb. Es ist ein Geschenk des Künstlers an das Museum.

ServiceAusstellung: "Kulturgeschichte des Porzellans im deutschsprachigen Raum vom 18. Jahrhundert bis 1989". Bis 30. November.

Ort: Porzellanikon, Schirndinger Straße 48, Hohenberg an der Eger.

Infotelefon: 09233/7722-11

E-Mail: dpm@porzellanikon.org.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 10 bis 17 Uhr.

Weitere Informationen:

www.porzellanikon.org
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