Ballett-Oper „Les Indes Galantes“
Mit Liebe für paradiesische Zustände sorgen

Aufruhr im Paradies: Regisseurin Laura Scozzi bezieht in ihrer Version von Rameaus "Les Indes Galantes" kritisch Stellung gegen die Ausbeutung der Natur und ruft zur Achtung von Menschenrechten auf. Ihr Lebensmotto lautet: Liebe mit Respekt und Mitgefühl. Bild: Ludwig Olah
Kultur BY
Bayern
05.04.2016
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Genau so stellt man sich das Paradies vor. Wild wucherndes Grün. Ungezwungen umher tollende Geschöpfe, natürlich nackt. Ein erfrischender Teich, der zum Bade lockt. Und der Schöpfer selbst, als Mann und Frau, wohlwollend durch den Garten Eden schreitend.

Nürnberg. Ein Paradies des Friedens und des Glücks. Harmonie des Seins und Urgrund der Liebe. Bezaubernd und berührend hat Natacha Le Guen de Kerneizon (was für ein Name!) die Bühne und damit den Boden bereitet für die Ballett-Oper "Les Indes Galantes" von Jean-Philippe Rameau. Ein barockes Gesamtkunstwerk, dessen Premiere am Nürnberger Staatstheater mit langanhaltendem Applaus belohnt wurde. Doch Halt! An die barocke Zeit - das Werk wurde 1735 in Paris uraufgeführt - erinnern nur die wunderschönen Klangwogen, von der idyllischen Musette im Prolog bis zu den beschwingten Menuetten und der tänzerischen Chaconne im vierten Aufzug. Die sinnliche und ungestüme Musik wird von der Staatsphilharmonie und dem Chor des Staatstheaters unter der feurigen Leitung von Paul Agnew in aller Farbenpracht zum Leuchten gebracht.

Leichtfüßig und graziös


Viel abverlangt wird von einem Ballett-Ensemble, das in stilistischer Vielfältigkeit historische Welten mit moderner Ästhetik verbindet. Leichtfüßig und graziös nehmen sie die Zuschauer mit auf eine Reise in die Türkei, nach Peru, Persien und Amerika. Der Bühnenvorhang dient immer wieder als Leinwand, auf dem Flugzeuge, Landkarten und Landschaften die jeweiligen Ziele in Szene setzen. Womit wir bei Laura Scozzi wären, die in Nürnberg bereits Berlioz" Künstleroper "Benvenuto Cellini" oder Mozarts "Zauberflöte" quirlig und klamaukhaft umgesetzt hat. Es gibt bei ihr keine "heiligen Hallen", die nicht mit Aktualität und Tiefgang gefüllt werden könnten. Wenn im ersten Akt von Rameaus Ballettoper der "großmütige Türke" und Menschenhändler Pascha Osman auftritt, erinnert der Schiffbruch von Valère und seinen Reisegefährten natürlich an das heutige Flüchtlingsdrama im Mittelmeer.

Im zweiten Aufzug werden dann Parallelen gezogen zwischen der Heuchelei von Huascar und der peruanischen Terrororganisation "Leuchtender Pfad", die mit allen Mitteln ihren Kampf um Drogen führen. Indem Scozzi Frauen in Burkas auf Damen mit Reizwäsche treffen lässt, bezieht sie Stellung zu Menschen- und Frauenrechten. Im vierten Akt sieht man Umweltschützer, die gegen eine Abholzung der Wälder kämpfen. Köstlich sind die drei Amoretten, die Gott Amor in fremde Länder aussendet, um der Liebe auf die Spur zu kommen. Mit ihren Pfeilen lenken sie so manch erotische Begegnung, nehmen dabei aber zugleich die unheilvolle Gier nach Ruhm und Geld ins Visier. "Überquert die weitesten Meere. Tragt eure Waffen und Lanzen an die fernsten Gestade", so lautet der Auftrag der bissigen Botschafterinnen.

Mutig und durchdacht


Eigentlich sind sie ja die dreieinige Entfaltung Scozzis selbst, die in einem Interview betont: "In meiner Eigenschaft als Künstlerin darf ich Dinge, die unsere Zeit prägen, nicht ignorieren." Sie beziehe Stellung, aber ohne Anmaßung; stelle Fragen, ohne Antwort zu geben. In diesem Sinne ist die französisch-fränkische Koproduktion von "Les Indes Galantes" ein echter Scozzi: mutig, durchdacht, frech und mit einer kräftigenden Brise Humor gewürzt.
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