Bayreuth Opern: Pianist Stefan Mickisch über Richard Strauss
"Salome ist schon ein Schocker!"

Stefan Mickisch kann "ernste" Musik äußerst unterhaltsam präsentieren. Seine Klaviergespräche in Bayreuth sind ein großer Erfolg. Archivbild: Götz
Kultur BY
Bayern
13.10.2014
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Pianist Stefan Mickisch erläutert in Bayreuth Opern von Richard Strauss; plötzlich ruft jemand im Publikum: "Pervers!"

Die Königstochter hat sich in einen Prediger verguckt. Den Jochanaan will sie haben. Den oder keinen. Ganz oder gar nicht kann man in diesem Fall weniger sagen, bekommt sie doch am Ende nur sein Haupt serviert. Doch der einmal entflammten Sinnlichkeit tut dies keinen Abbruch und so drückt das verzückte Weib zum Entsetzen aller den blutleeren Lippen ein Küsschen auf. Das wird nicht nur dem Vater zu viel.

"Pervers", so eine Stimme aus dem Publikum, als der Abend sich dem dramatischen Höhepunkt nähert. Nein, zu den Sympathieträgern der deutschen Operngeschichte gehört Prinzessin Salome bis heute nicht, und auch im intimen Kammermusiksaal zeigt Salomes abscheuliche Tat Wirkung. Doch der Herr am Flügel hatte gewarnt. "Die Geschichte ist schon ein Schocker!", so Stefan Mickisch, der am Freitagabend mit "Salome" die Gesprächskonzertreihe über Opern von Richard Strauss im Steingraeber-Haus eröffnete.

Es beginnt in Parkstein

Was 1998, einen Katzensprung davon entfernt, auf dem Bayreuther Festspielhügel begann, hat sich längst zum Erfolgsmodell entwickelt. Mit seinen konzertanten Wagner-Einführungen wurde der in Schwandorf beheimatete Stefan Mickisch zum international gefragten Künstler, der sich aber auch auf andere Komponisten einlässt. Neben Mozart und Beethoven ist das in diesem Jahr vor allem Richard Strauss, dessen Geburtstag sich heuer zum 150. Mal jährte. Für Mickisch ein willkommener Anlass, Strauss und sein musikdramatisches Schaffen gründlich zu durchforsten. Wie immer auf der Suche nach dem, was man in einschlägigen Opernführern garantiert nicht findet: Unbekanntes, Unerwartetes und Querverweise in alle Bereiche der Geisteswissenschaften.

"Salome" also zum Auftakt. Und die beginnt an diesem Abend in der Oberpfalz. Schlagfertig, eloquent und seit jeher mit gesundem Oberpfälzer Selbstbewusstsein ausgestattet, führt Mickisch sein Publikum vom Parkstein, der Heimat von Strauss-Vater Franz Josef, über München, wo Richard Strauss schon bald zum erfolgreichen Komponisten aufstieg, bis in den Palast von Herodes Antipas, Vater der schönen, aber gefährlich triebgesteuerten "Salome". Ein weiter Weg mit vielen Abzweigungen in Richtung Religion, Kunst, Philosophie und Psychologie, in die Mickisch gerne mal abbiegt.

Das Maulwurfsglotzen

Mit trockenem Humor enttarnt er dabei nicht nur familiäre Disharmonien am Königshof, sondern streift auch außermusikalische Themen wie die Fehlbarkeit von Kritiker-Päpsten, die "Gottesmörder-Neurose" von Sigmund Freud oder das begehrliche "Maulwurfsglotzen" von Männern, das "Salome" gehörig auf den Zeiger ging. Musikalisch lebt der Abend natürlich von den vielen Klangbeispielen aus der Strauss'schen Partitur. Beeindruckend aber auch die Werkkenntnis und Spontaneität, mit der Mickisch immer wieder auf Werke von Wagner, Bach und Beethoven verweist. Ein unterhaltsamer Einstieg in das musikdramatische Schaffen von Richard Strauss, das am Wochenende seine Fortsetzung findet.
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