Bob Dylan zeigt sich in Bamberg von seiner besten Seite
Tiefenentspannter Meister

Kultur BY
Bayern
25.06.2015
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Chuzpe ist wohl der richtige Ausdruck: Eine der Anti-Kriegs-Hymnen schlechthin in einen heiter-verspielten Song zu verwandeln, der gute Laune versprüht. Tausende Male schon hat Bob Dylan sein "Blowin' in the wind" gespielt und gesungen, viele Künstler wie Joan Baez, Neil Young oder Johnny Cash haben das Lied gecovert. Und bei seinem Auftritt am Dienstagabend in der Brose-Arena-Bamberg zeigt sich Dylan - wieder einmal - nicht nur bei diesem Song von seiner besten musikalischen Seite.

Kleiner Mann mit Hut

Ein kleiner Mann mit Hut, schwarz gekleidet, die Bühne auf das Wesentliche reduziert und in diffuses Licht getaucht: So sieht also jemand aus, der schon heute als Mythos gilt. Viel hat Dylan selbst dazu beigetragen, dass dieses Bild von ihm entsteht. Er, der sich nur ungern fotografieren lässt und deshalb auch auf große Leinwände bei Konzerten verzichtet. Er, der gerne als alter Griesgram bezeichnet wird, als unberechenbar gilt. Seit 1988 ist er unterwegs auf seiner "Never Ending Tour", die ihn nun auch in die Provinz führt: Vor wenigen Tagen Tübingen, jetzt Bamberg, demnächst Lörrach. "Things have changed": Zum Teil ja, zum Teil nein. Zumindest ein gelungener Auftakt für das zweistündige Konzert. Dylan spricht nach wie vor nicht mit dem Publikum, mehr als die Pausenansage ist nicht drin. Verbeugungen werden, wenn überhaupt, nur angedeutet. Aber - und das ist es, was zählt - Dylan ist stimmlich präsenter denn je, was in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Kaum ein Nuscheln des Meisters, klare Artikulation, unterstützt von einer überraschend guten Akustik in der Halle und perfekter Arbeit der Verantwortlichen am Mischpult.

Im Vergleich zum letzten Auftritt Dylans auf bayerischem Boden vor genau einem Jahr beim Münchener "Tollwood" hat sich die Setlist nur marginal geändert. Die 20 Songs des Abends umspannen die Zeit von den frühen 60ern bis hin zur Gegenwart. Einen Schwerpunkt legt Dylan auf das 2012 erschienene Album "Tempest", das zu Recht als eines seiner besten Werke in der jüngeren Vergangenheit gelobt wird: "Duquesne Whistle", "Pay in blood", "Soon after midnight", "Long and wasted years" oder "Scarlet Town" - Dylan hat Spaß auf der Bühne, wirkt ungemein locker und tiefenentspannt. Manchmal ähnelt der Gang des 74-Jährigem sogar einem Tänzeln.

Verlassen kann er sich auf seine fünfköpfige Band, die mit ihm bereits seit vielen Jahren auf der Bühne steht. Die Musiker lassen sich auch nicht beirren, wenn Dylan mal wieder einen seiner "Ausflüge" auf dem Klavier macht. Auch die Mundharmonika ist an diesem Abend nicht wegzudenken.

Auch Sinatra-Kostproben

Erfahrene Dylan-Konzertgänger wissen, dass sie nicht auf Songs "warten" sollten: Derer gäbe es viele wie "Knockin' on heavens door", "Forever Young", "It's all over now", "Like a Rolling Stone" und noch viele mehr. In den seltensten Fällen hört man sie. "Beyond here lies nothin'" und "Tangled up in blue" gibt der Meister aber zum Besten, so manchem weiteren bekannten Text des Abends verleiht er eine neue Melodie.

Insgesamt wird es ein ruhiger, von Country-, Jazz- und Swingklängen geprägter Abend. Nicht fehlen dürfen Kostproben aus seinem neuen Album "Shadows in the night", wo sich Dylan auf die Spuren Frank Sinatras begibt: "I'm a fool to want you" und der Jazzstandard "Autumn Leaves". Und für den Schluss hebt sich Dylan eine rockige Version von "Love Sick" vom 97er-Album "Time out of mind" auf. Die "Never Ending Tour" kann noch lange so weitergehen.
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