Brecht bei Fluchtproblematik hochaktuell

Eine Bertolt Brecht-Büste und Portraitfotos, auf denen der Autor abgebildet ist, sind in dem zu einem Museum umfunktionierten Geburtshaus Brechts in Augsburg ausgestellt. Das Augsburger Brecht-Festival will die Menschen mit ungewöhnlichen Ideen in die 1920er Jahre entführen. Bild: dpa
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Bayern
27.01.2015
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Bert Brecht war ein Flüchtling, der im Exil dem Naziterror entkam. Das Brecht-Festival in der Geburtsstadt des weltberühmten Dichters thematisiert diese Jahre - und stellt den Bezug zu den Flüchtlingsbiografien der Gegenwart her.

Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Diesem Thema widmet sich auch das Brechtfestival in Augsburg, der Geburtsstadt des Dichters. Denn das Festival (30. Januar bis 10. Februar) beleuchtet Bertolt Brechts Jahre im Exil. Wäre Brecht als Flüchtling nicht von anderen Ländern aufgenommen worden, hätte er das Dritte Reich nicht überlebt, sagt der künstlerische Leiter des Augsburger Brecht-Festes, Joachim Lang, im Interview der dpa.

Wie haben Sie bei dem Festival Brechts Erlebnisse von vor 80 Jahren und die aktuelle Flüchtlingsentwicklung in der Welt verbunden?

Joachim Lang:Ein wesentliches Merkmal des Festivalkonzepts ist die Aktualisierung Brechts. 1933 und in den Folgejahren mussten Millionen von Menschen vor dem Hitlerterror flüchten, heute ist die Zahl der Flüchtlinge auf dem Höchststand seit dem Zweiten Weltkrieg. Da liegt der aktuelle Bezug auf der Hand. Wir haben mit Brecht einen Dichter, der wie kaum ein anderer in seinen Texten das Exil, die Flucht, den Terror und den Krieg thematisiert. Dieses Werk ist hochaktuell und brisant. Deswegen bringen wir es zur Aufführung und stellen es in den gegenwärtigen Kontext.

Aber wir beschränken uns nicht auf Brecht-Texte, wir veranstalten zum Beispiel mit dem Pen-Zentrum Lesungen mit Exilautoren in Augsburger Flüchtlingsunterkünften. Die aktuelle Problematik durchzieht das Festival in allen seinen Veranstaltungen. Das ist für uns ein zentrales Anliegen.

Die Flüchtlingsproblematik ist in Deutschland angekommen, gleichzeitig demonstrieren Anhänger der Anti-Islam-Bewegung Pegida in etlichen Städten. Was - denken Sie - hätte Brecht zu dazu gesagt?

Lang:Brecht hat ausländerfeindlichen und rechten Bestrebungen in jeder Hinsicht eine klare Absage erteilt. Eine Bewegung wie Pegida hätte er nicht nur abgelehnt, sondern auch mit seinen Worten bekämpft. Zur Flüchtlingsproblematik gibt es eine ganze Reihe von Texten, die auch autobiografische Ausgangspunkte haben. Brecht war ein Flüchtling; wenn er nicht von anderen Ländern aufgenommen worden wäre, hätte er das Dritte Reich nicht überlebt.

Und er hat auch erfahren müssen, was es heißt, in den Exilländern nicht unbedingt willkommen zu sein. Brecht hat - wie er es formuliert hat - für eine Gesellschaft geschrieben, in welcher "der Mensch dem Menschen ein Helfer ist". Seine Haltung war in dieser Hinsicht also eindeutig.

In Augsburg wird immer wieder darüber diskutiert, ob die Stadt ihren prominenten Sohn ausreichend gut in Szene setzt. Zuletzt ist insbesondere über die Konzeption des Geburtshauses geredet worden. Kann und sollte die Stadt noch mehr machen?

Lang:Das Verhältnis von Augsburg zu seinem großen Sohn war im vergangenen Jahrhundert - wenn ich es vorsichtig formuliere - nicht unproblematisch. Erst in den vergangenen Jahren wurde, gerade auch durch das Festival, eine stärkere Verankerung erreicht. Trotzdem bleibt noch vieles zu tun. Das Brechthaus ist in einem problematischen Zustand; es fehlt an einem Gesamtkonzept zum Thema Brecht in Augsburg. Dabei hätte die Stadt es so verdient, auch das tolle Augsburger Publikum, das ich sehr schätze, und ebenso die Augsburger Künstler.

Man müsste endlich an einem Strang ziehen und etwas noch Größeres wagen. Aber das scheint nicht zu gelingen, weil vieles zerredet wird. In Kenntnis mancher Konzepte und Vorstellungen ist es leider nicht auszuschließen, dass die Entwicklung sogar wieder zurückgedreht wird. Ich kann nur hoffen, dass sich diejenigen politisch Verantwortlichen durchsetzen, die erkannt haben, wie wichtig eine angemessene und nachhaltige Würdigung des Dichters in seiner Vaterstadt ist. Damit wäre allen gedient: Augsburg und Brecht.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.brechtfestival.de
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