Bruce Springsteen begeistert München
Er ist hier der Boss

Rock vom Feinsten: Bruce Springsteen (Zweiter von links) und seine Mitstreiter (von links) Jake Clemons, Steven Van Zandt und Max Weinberg. Bild: dpa
Kultur BY
Bayern
19.06.2016
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Es ist dieser Moment, in dem die Blues Harp einsetzt. Fünf Töne reichen. Noch bevor Bruce Springsteen das Intro von "The River" beendet hat, ist die Gänsehaut da. Und dieses besondere Gefühl, das bis zum letzten Song an diesem Abend erhalten bleibt - das Gefühl, den vielleicht größten Rock-Musiker aller Zeiten erlebt zu haben.

München. Es ist wie immer, wenn der "Boss" in die Stadt kommt. Vom Verkehrschaos in der Münchener Innenstadt über gesperrte Parkplätze bis hin zum prall gefüllten Olympiastadion. "Gott sei Dank spielt er immer an die drei Stunden", sagt ein älteres Pärchen am Freitag, das es wie etliche Fans nicht rechtzeitig zum Beginn in die Arena geschafft hat. Verpasst haben sie alles und nichts. Denn das 31 Songs dauernde Konzerterlebnis ist jederzeit einzigartig. Springsteen und seine unverwüstliche E-Street-Band spielen deutlich über drei Stunden und geben von Beginn an Vollgas.

Naturgemäß muss der 66-Jährige trotz der üppigen Spieldauer etliche Hits weglassen. Obwohl die "River Tour 2016" auf dem titelgebenden Erfolgsalbum von 1980 aufgebaut sein sollte, schafft er es dennoch zu überraschen. Ein genormtes Best-of ist eben nicht sein Ding. Jedes Konzert ist anders. Kracher wie "I'm on Fire", "Born to Run" und "Dancing in the Dark" mischen sich mit seltener gespielten Titeln oder einer XXL-Version des Isley-Brothers-Covers "Shout", an das er lächelnd immer wieder noch einen weiteren Refrain dranhängt.

Nah am wirklichen Leben


Springsteen füllt weiter eine größer werdende Lücke in der Musiklandschaft aus - Songs mit Anspruch. Für seinen packenden Rock mit starken Wurzeln im Blues und Folk und intelligenten Texten wurden gefühlt jene Etiketten erfunden, die heutzutage jedem Sänger angeheftet werden, der eine Akustik-Gitarre unfallfrei halten kann - erdig, bodenständig, hemdsärmelig. Der 66-Jährige singt über geplatzte Träume, Alltagsprobleme und die nicht-poetische, echte Liebe.

"Bruuuuce" hallt es nach jedem Song aus dem Rund. Die Fans jeden Alters sind auf der gleichen Wellenlänge. Wenn Springsteen ihre Hände sehen will, bekommt er sie. 57 000 Fans im ausverkauften Olympiastadion winken im Gleichklang.

Scheiß auf Trump. Wir wollen mit dem Boss tanzen.Aufschrift auf einem Plakat eines Fans, das Springsteen nimmt und hochhält.


Auch die E-Street-Band präsentiert sich bei trockenem Wetter in bester (Spiel-)Laune. Die alten Gitarren-Recken Nils Lofgren und Steven van Zandt albern herum, Gentleman-Drummer Max Weinberg liefert in "Land of Hope and Dreams" ein Monster-Solo, ohne dass seine Krawatte auch nur um einen Millimeter verrutscht. Und das Sax des 2011 verstorbenen Clarence Clemons, an den Bilder auf den Mediawänden erinnern, hat dessen Neffe Jake übernommen. Beständigkeit auch hier.

Die Musiker liefern eine grandiose Show ab - ohne Sperenzchen, ohne große Effekte. Nur mit drei Videowänden, die zeigen, worum es geht: Musik und die Menschen. Für die ausgiebige Zugabe erhellen alle Flutlichter das Olympiastadion wie zu Champions-League-Zeiten. Der Sänger will die Fans sehen, sucht die Nähe. Es wirkt wie ein privates Konzert im größten Wohnzimmer Bayerns.

Kritischer Patriot


In Zeiten, in denen Patriotismus stets eine anrüchige Note hat, wirken dabei selbst die deutsche und die US-Flagge, die die Bühne flankieren, authentisch. Zumal der Mann aus New Jersey sich mit dem Begriff Heimat durch Songs wie "My Hometown" und "Born in the USA" kritisch und aus Sicht der kleinen Leute auseinandersetzt. Wie auch in München: Er nimmt ein Plakat eines Fans, auf dem - sinngemäß übersetzt - "Scheiß auf Trump. Wir wollen mit dem Boss tanzen" steht, und hält es hoch. Eine Frau kommt danach in den Genuss eines Tänzchens auf der Bühne, ein Mädchen mit "Sunny Day"-Kopfschmuck darf mit ihm singen.

An einem Abend voll positiver Energie zögert Springsteen nur ein einziges Mal. Bei der letzten Zugabe, einer bewegenden Gitarren-Mundharmonika-Version des sonst pianolastigen "For You", muss er sichtlich kurz die Akkordfolge überlegen. Der Boss der kleinen Leute findet sie, wie er auch zuvor die richtigen Töne, Worte und Gesten gefunden hat.
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