Bryan Adams in Nürnberg
Musterschüler des Rock

Bryan Adams legt bei seinem Auftritt in der Nürnberger Arena viel Energie in die Songs. Die 6500 Fans feiern mit den Hits des Soft-Rockers aus vier Jahrzehnten eine nostalgische Party. Bild: Tobias Schwarzmeier
Kultur BY
Bayern
05.10.2016
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Die Frisur sitzt, das makellose Hemd und das Sakko auch. Bryan Adams und seine vier ebenso elegant gekleideten Mitstreiter könnten auch ein klassisches Gesangs-Quintett sein. Braves Aussehen kann täuschen. Muss es aber nicht.

Nürnberg. Unter all den echten und selbst ernannten Bad Guys im Rock-Geschäft trägt Bryan Adams seit Jahrzehnten den seltenen Stempel des bescheidenen Lieblings aller Schwiegermütter - sympathisch, sich für verschiedene soziale Projekte engagierend und ohne Star-Allüren. So empfinden es auch die 6500 Fans am Dienstag in der Nürnberger Arena.

Es ist sein Konzert, aber der 56-Jährige zieht sich dabei gerne auch in die zweite Reihe zurück. Adams lenkt die Blicke auf seinen Gitarristen und musikalischen Weggefährten Keith Scott, der bei jedem längeren Solo seine große Plattform bekommt. Auf die spielfreudigen Musiker. Auf die kreativen Einspieler auf der Videoleinwand. Oft lässt er diese Bilder in den Vordergrund rücken. Sein charakteristischer gradliniger Balladen-Rock, der heute noch mehr als noch vor Jahren auf die Elemente des frühen Rock 'n' Roll baut, liefert die passende Begleitmusik.

Alleine auf der Bühne


Doch plötzlich ist Bryan Adams selbst wieder ungeheuer präsent. Zieht den Fokus komplett auf sich. Für mehrere besonders emotionale Titel wie "Remember" oder "When You're Gone" verzichtet er völlig auf die Bandbegleitung. Ganz der pure Singer-Songwriter - nur mit der akustischen Gitarre und dieser melodischen Stimme mit dem kehligen Touch, die nichts an Kraft verloren hat - erntet er den größten Beifall.

Der Nostalgie- und Partyfaktor ist gigantisch, wenn schon bei den ersten angespielten Takten seiner Klassiker die komplette Arena mitsingt. "Run To You", "Summer of 69" oder "Heaven" kommen früh. Wer denkt, viel Pulver wäre dann bereits verschossen, ist erstaunt, wie viele (Liebes-)lieder mit hohem Wiedererkennungswert Adams noch aus dem Hut zaubern kann. Von "(Everything I Do) I Do It for You" mit wunderbarer Piano-Emphase von Keyboarder Gary Breit bis hin zu "Please Forgive Me" - ein "Best of" zu den Themen Gefühle und Beziehungen. Den Fans gefällt's sichtlich, die Chemie ist spürbar. Launiges Geplänkel - wie als Adams eine deutsche Übersetzung für "Wiggling" erfragt und die Fans danach stolz zum "Asch waggln" auffordert - sorgt zudem für Stimmung.

Mega-Hit auf nackter Haut


Ganz so brav ist der Musterschüler des Rock 'n' Roll vielleicht dann doch nicht. Wie oft hat er betont, dass sein Welt-Hit "Summer of 69" nichts mit dem Jahr 1969 zu tun hat. Wie um es zu unterstreichen, läuft zum Song im Hintergrund ein stylischer Clip mit einer wilden Kamerafahrt über einen nackten Frauenkörper, auf dem der Songtext mit schwarzer Tinte geschrieben steht. Mit durchschlagendem Effekt: Auch die wenigen, die den Text nicht parat haben, singen beim Body-Paint-Karaoke mit.

Überhaupt erlebt die Videowall beim Kanadier, der mittlerweile auch ein gefragter Promi-Fotograf ist, eine kleine Renaissance. Das Standard-Requisit vieler Rock- und Pop-Bands der 90er-Jahre bebildert mit durchdachten künstlerischen Ansätzen die in den Songs transportierten Phasen der Liebe. Genial ist das Video zu "Brand New Day" vom aktuellen Adams-Album "Get Up!", in dem sich Film-Ikone Helena Bonham-Carter und Hurts-Sänger Theo Hutchcraft eine mitreißende Beziehungsschlacht liefern.

Mehr von solchen Ecken und Kanten hätte sich einige Fans von Bryan Adams auch in der Interpretation seiner Songs gewünscht. Viele Bearbeitungen lehnen sich an die legendäre, aber sehr ruhige MTV-Unplugged-Session von 1997 an. Auch wenn die Soft-Balladen mit tanzbaren Titeln variieren und die Musiker versuchen, mit ausgedehnten Instrumental-Soli die Melodien aufzubrechen, bleibt die Mainstream-Linie allzu deutlich. So beendet "All for Love" eine exakt zweieinhalbstündige Hommage an die Liebe. Schön, aber letztendlich doch etwas zu brav.
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