Bühne wird zum Schlachthof

Hier tropft das Schwein und die Moral: Das Sozialdrama "Das Fleischwerk" von Christoph Nußbaumeder gewährt Einblicke in eine Fabrik, in der Rumänen und Bulgaren ausgebeutet werden, um Billigfleisch zu erzeugen. Bild: Marion Bührle
Kultur BY
Bayern
02.11.2015
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So eine Sauerei, mag der eine oder andere Theaterbesucher denken. Schon in der ersten Szene zerlegt ein bulgarischer Metzger auf der Bühne ein Schwein, dass es nur so spritzt. Blut strömt aus dem künstlichen Körper und etliche Innereien klatschen auf den Boden.

Markus Heinzelmann wählt für seine Nürnberger Inszenierung des Schlachthof-Dramas "Fleischwerk" drastische Bilder. Das Stück aus der Feder von Christoph Nußbaumeder (Jahrgang 1978) wurde vor wenigen Wochen in Bochum uraufgeführt und nun im Schauspielhaus mit betroffenem Beifall bedacht.

Blanker Zynismus

"Die Masse will billiges Fleisch, und sie kriegt es", verdeutlicht der gefühlskalte Subunternehmer Akif Kral. Stefan Willi Wang spielt diesen Bösewicht derart zynisch und skrupellos, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Auch für seinen Viehfahrer Daniel Rabanta (sehr überzeugend: Stefan Lorch), der wegen seines Lungenkrebses nicht mehr lange leben wird und ständig Blut spuckt, hat er wenig Einfühlsames parat: "Der Mensch ist zu allem fähig, der Krebs nicht." Wobei auch das nicht stimmt: Arbeiter Andrei (ein emotional aufgewühlter Philipp Weigand), der den Aufstand gegen die Ausbeutung wagt, vermag letztlich nichts und wird am Ende wie Schlachtabfall entsorgt.

Nußbaumeder will in seinem "Fleischwerk" viel, vielleicht zu viel. Von der Massentierhaltung über den Krebstod bis zur Liebesgeschichte reicht die Palette der Anspielungen. Verwirrend wirkt, dass die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, sondern durch die Zeiten springt. Plant Andrei in einer Szene noch den Aufstand, sühnt seine Frau Susanne in der nächsten schon seinen Tod. Einerseits wirkt das Stück wie ein Krimi, bei dem jedoch kein Fall zu lösen ist. Andererseits verblüfft die wohlgeformte Sprache, die durchaus horvàthsche oder shakespearsche Ausmaße annimmt.

Wie auch immer, faszinierend ist die Bühnenausstattung von Gregor Wickert. Gespielt wird zwischen steril wirkenden Wänden eines Kühlhauses. Die weiße Farbe; Metzger, die ihre blutigen Hände in Unschuld waschen; das "Miteinander" von zwei- und vierbeinigen Fleischlieferanten - da steckt eine Menge Symbolik drin. Die Rechercheerkenntnis von Nußbaumeder, dass Menschen von Kannibalen als Lang-Schweine bezeichnet wurden, lässt aufhorchen. Und natürlich sind Billigfleisch, Massentierhaltung und Billiglohn hochaktuelle Themen, die jeden angehen.

Auch dafür hat die Regie eine Idee parat. Am Ende richten sich grelle Scheinwerfer direkt ins Publikum und damit an die Verursacher der ganzen Sauerei - damit ihm endlich ein Licht aufgehe.
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