Das Beste aus 1000 Liedern

In Nürnberg ist es nicht sein legendärer gläserner, sondern ein schwarzer Flügel, auf dem Udo Jürgens spielt. Ungeachtet dessen packt der Entertainer während seiner letzten großen Tournee die Essenz seines kompletten Musikerlebens, in dem er 1000 Lieder komponierte, in ein grandioses Konzert. Bild: Tobias Schwarzmeier
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Bayern
24.11.2014
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Die Uhr tickt. Die Agogo-Bell des Schlagwerkers gibt gnadenlos einen Countdown vor, der das Konzert in der Nürnberger Arena prägt. Die Zeichen stehen bei Udo Jürgens letzter großen Tour auf Abschied. Doch Zeitbegriffe verschwimmen an diesem besonderem Abend.

Nicht von ungefähr ist "1000 Jahre sind ein Tag", das als Titelsong der Zeichentrickserie "Es war einmal der Mensch" berühmt wurde, ein Lied, das mit am meisten Beifall der gut 6000 Musikfans erhielt. Zwischen vibrierendem Saxofon-Intro und diversen Soli wird den Zuschauern, die Jürgens' Bühnenkarriere begleiteten, bewusst, wie schnell die Zeit vergeht. Es fällt schwer zu glauben, dass die aktuelle Tour des 80-Jährigen, die dazu "Mitten im Leben" heißt, seine letzte sein soll.

Der weiche Anschlag auf den Tasten, der sein Klavierspiel selbst in emotionalsten Passagen auszeichnet, ist nach wie vor der Gleiche. Auch das Feuer brennt immer noch in ihm.

Protest im Dinner-Anzug

Der Klagenfurter wählt in einem sehr persönlichen Konzert aus seinen mehr als 1000 Liedern der letzten 50 Jahre, die stets den Zeitgeist widerspiegelten, die Songs aus, die ihm am Herzen liegen. Er, der hinter der Aura seines eleganten schwarzen Anzugs, der 23-köpfigen Big-Band und diverser aufgedrückter Schlager-Etiketten immer vor allem ein eloquenter Kritiker am Klavier war und ist.

Aufgelockert mit Liedern über Sehnsüchte, Träume und Alltagsgeschichten erhebt Jürgens seine Stimme gegen globale Ausbeutung, Heuchelei, Gier, und Spießigkeit und schont sich auf der Bühne nicht. Im Gegensatz dazu verpackt er seine party-gängigen Hits und herrlichen Schlager-Schnulzen wie "Aber bitte mit Sahne", "Ein ehrenwertes Haus", "17 Jahr, blondes Haar", "Mit 66 Jahren" in Medleys, bei denen die Fans abfeiern oder nostalgisch schmachten dürfen. Mit einer Ausnahme. Ganz Chansonnier entschleunigt er mit minimaler Begleitung das wunderbare "Griechischer Wein" über das Heimweh von Migranten zu einem Rezitativ, das er nach zwei Strophen mit feinem Timing in ein orchestrales Finale überführt.

Trotz viel unverändert aktueller (Sozial-)Kritik und auch wenn Jürgens einige der heutigen Entwicklungen als "Wahnsinn" bezeichnet, wird das Konzert nicht zur bitteren Abrechnung eines Künstlers, der den Draht zur schnelllebigen Zeit verloren hat - im Gegenteil. Jürgens hat noch viel zu sagen, wie mit dem düster-rockigen Song über den zerbrechlichen "Gläsernen Menschen" aus seinem aktuellen Album. Zwischen Schlager, Jazz und Pop zeigt sich der Österreicher vielseitig. In Länge dirigiert und spielt er Teile seiner sinfonischen Dichtung "Die Krone der Schöpfung" und streut in den Musical-Hit "Ich war noch niemals in New York", Sinatras "How About You?" und "New York, New York" ein.

Hemdsärmeliges Finale

Wie üblich endet der glänzende Auftritt mit einer Zugabe im weißen Bademantel ("Vielen Dank für die Blumen" und "Merci Chérie"). Den letzten Song aber, das sinnige "Zehn nach Elf" über die Gefühle eines Künstlers, nachdem der Applaus verhallt ist, spielt er in Hemd und Jeans.

Ein passendes Resümee für ein außergewöhnliches Musikerleben, gepackt in zweieinhalb Stunden. Aber zum Glück kein kompletter Abschied von der Konzertbühne: "Ich reiße keine Bäume mehr aus, aber ich will - und werde - noch einige pflanzen", sagt Jürgens unter lautem Beifall vieldeutig und mit Nachdruck. Die Botschaft wurde verstanden, alle anderen - hoffentlich - mit der Zeit auch.
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